Jörg Spitz

Das Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin e.V. unter seinem Vorstandvorsitzenden Prof. Dr. Andreas Sönnichsen von der medizinischen Universität Wien und seine Vorstandskolleginnen und Kollegen stehen sicher nicht im Verdacht mit Aluhüten auf dem Kopf und der Reichskriegsflagge unter dem Arm aufzutreten. Ganz im Gegenteil versteht sich das EbM-Netzwerk als “das deutschsprachige Kompetenz- und Referenzzentrum für alle Aspekte der Evidenzbasierten Medizin. Das Netzwerk wurde im Jahr 2000 gegründet, um Konzepte und Methoden einer evidenzbasierten und patientenorientierten Medizin in Praxis, Lehre und Forschung zu verbreiten und weiterzuentwickeln, und hat heute ca. 1000 Mitglieder.”

Wir freuen uns daher sehr, dass dieses Netzwerk am 8.9.2020 eine wissenschaftliche Stellungnahme zu COVID-19 und den derzeit gültigen Maßnahmen unter dem Titel 

“COVID-19: Wo ist die Evidenz?” veröffentlicht hat, die die Sachlage unter wissenschaftlichen Aspekten fern jeder Polemik beleuchtet. Wir fassen wesentliche  Kernaussagen nachfolgend zusammen:

1. Gefährlichkeit und Letalität von COVID 19: Man spricht heute von einer “Infektions-Letalitäts-Rate”, die auch leichtere und Verläufe ohne Symptome berücksichtigt in der Höhe zwischen 0,1% und 0,4% in Deutschland und zwischen 0,1% und 0,6% in Österreich. Verschiedene andere Studien sehen diese Raten zwischen 0,27% und 0,36%.

Die Erkrankung ist besonders für hochbetagte Menschen gefährlich, 85% der Verstorbenen waren 70 Jahre und älter. In ganz Deutschland gab es nur 3 Todesfälle bei Menschen unter 20 Jahren.

2. Neben dem Lebensalter stellen Komorbiditäten wesentliche Risikofaktoren dar. Kardiovaskuläre Vorerkrankungen, Hypertonie, Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz und Krebs zeigen sich als unabhängige Risikofaktoren für die COVID-19-Letalität.

3. Nutzen und Schaden von Interventionen: Hier geht es vor allem um die sogenannten nicht-pharmakologischen Interventionen (NPI) wie “Social Distancing”.
Insgesamt ist die Evidenz der Maßnahmen als eher gering zu bewerten. So kommt eine Analyse mit Daten aus 149 Ländern auf eine Risikoreduktion von 13% in der Kombination von Schulschließungen, Arbeitsplatz Schließungen, Verbot von Großveranstaltungen und Lockdown.

Schulschließungen haben laut aller vorliegenden Daten den geringsten Effekt, wenn überhaupt. Die Auswirkungen des Tragens von Alltagsmasken sind bei weitem nicht so eindeutig, wie überall kolportiert. Vor allem bei geringen Infektionszahlen ist die zusätzliche Risikoreduktion vernachlässigbar.

Bezüglich aller diskutierten oder derzeit eingesetzten Maßnahmen des Social Distancing und des epidemiologischen Geschehens fordert das Netzwerk “eine angemessene, verständliche und den Bezug zur Bevölkerungszahl herstellende Risikokommunikation” und “dringend entsprechende randomisierte kontrollierte Studien, um dort, wo es möglich ist, die Wissenslücken zu schließen und herauszufinden, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll und nützlich sind, aber auch um sicherzustellen, dass die politisch angeordneten Maßnahmen nicht möglicherweise mehr schaden als nutzen.”

4. Massentests: An dieser Stelle fordert das Netzwerk ein grundsätzliches Überdenken der derzeitigen vor allem der in Deutschland gültigen Nationalen Teststrategie, die vorsieht, dass sowohl symptomatische als auch asymptomatische Personen getestet werden. Als „symptomatisch“ gelten „Personen mit jeglichen akuten respiratorischen bzw. COVID-19 typischen Symptomen, inklusive jeder „ärztlich begründete Verdachtsfall“. Nach Ansicht des Netzwerkes führt eine derartige unscharfe Indikation zu einer wahllosen Überdiagnostik, wenn man die generelle Häufigkeit von Atemwegsinfektion berücksichtigt. Abgesehen davon gäbe es “keinen wissenschaftlichen Nachweis oder nur Hinweis, dass diese Teststrategie zu einer Verminderung von Hospitalisierungen oder Todesfällen durch COVID-19 führt.”

Richtig wäre es dagegen, “die Testungen auf Personen mit hohem Risiko für das Vorliegen einer Infektion zu fokussieren, um die Vortestwahrscheinlichkeit und damit die Aussagekraft des Testergebnisses zu erhöhen.”

5. Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Berichterstattung: Hier hebt das Netzwerk zwei Punkte hervor:

a) In der öffentliche Berichterstattung wird im deutschsprachigen Raum nicht konsequent zwischen Test-positiven und Erkrankten unterschieden. Gleichzeitig ist festzustellen, dass die steigende Anzahl der Test-positiven nicht von einem parallelen Anstieg der Hospitalisierungen und Intensiv-Behandlungen oder Todesfälle begleitet wird. Dies weckt doch erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Tests und der täglichen Berichte über die neuen Test-positiven Fälle.

b) Des weiteren wird mit Vehemenz kritisiert, “...dass die SARS-CoV-2 Inzidenzen fast ausschließlich als Absolutzahlen ohne Bezugsgröße berichtet werden. Die Bekanntgabe der Gesamtzahl der Test-positiven und der Todesfälle erfolgt zudem kumulativ, was den Grundprinzipien der Darstellung epidemiologischer Daten widerspricht.”

[An dieser Stelle sei auch auf unseren Beitrag: Tun Sie uns und sich selbst einen Gefallen: Lesen Sie die RKI-Veröffentlichungen zu COVID-19 – keine zweite Welle bisher in Sicht! verwiesen.]

6. Schäden durch Lockdown und andere Eindämmungsmaßnahmen mit Nutzen-Schaden Abwägung: Für die indirekten Schäden der Pandemie gibt es noch wenig Studienevidenz. Die Schäden durch die Pandemie und die ergriffenen Gegenmaßnahmen müssen ebenso bedacht werden, wie die COVID-Todesfallrate. Erste Studienergebnisse weisen z.B. auf erhebliche psychische Belastungen und Bildungsverluste von Kindern durch die Schulschließung hin. Zu allen getroffenen Maßnahmen sind zwingend und kontinuierlich andauernd begleitende Forschungen erforderlich. 

Zusammenfassend kommt das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. zum gleichen Fazit wie wir:

Erstens muss die mediale Kommunikation unbedingt auf eine evidenzbasierte Risikokommunikation umschwenken und von absoluten positiven Testzahlen auf bewertbare Größen wie z.B. die Positivenrate in % oder klinisch relevante Infektionen und Belastungen bezogen auf eine Region und deren medizinische Kapazität umschwenken. 

Zweitens sollten ungezielte Massentestungen durch repräsentative Stichproben ersetzt werden und die Testkapazität auf besonders exponierte Gruppen (z.B. im Gesundheitswesen und in Pflegeberufen) sowie Hochrisikogruppen konzentriert werden.

Drittens ist eine kontinuierliche wissenschaftliche Folgenbewertung und -abschätzung aller politisch getroffener Maßnahmen erforderlich, die dann auch zu einer kurzfristigen Änderung des bisherigen Strategie führen kann und bei erwiesener Nutzlosigkeit führen muss.

Nur ein vierter Punkt muss noch ergänzt werden: Die Möglichkeit und Sinnhaftigkeit präventiver Maßnahmen, die jeder einzelne selbst treffen kann und die zur Stärkung des Immunsystems führen, muss viel breiter in der Öffentlichkeit publiziert werden. Darüber haben wir ja schon ausführlich in Text- und Videobeiträgen berichtet. Z.B. in:

Personalisieren Sie Ihre COVID-19-Prävention

oder 

Uwe Gröber & Prof. Jörg Spitz zu Corona, Influenza & Co - Wie stärke ich meine Abwehrkräfte

Bitte geben Sie diese Erkenntnisse unbedingt weiter!

Und tun Sie uns noch einen Gefallen - machen Sie sich selbst ein Bild und formen Sie Ihre eigene Meinung, es muss gar nicht unsere sein. Verständnis ist ein wichtiges Element von Prävention und Gesunderhaltung!

In diesem Sinne bleiben Sie hellwach und kritisch!

Ihr 

Jörg Spitz

 

Quelle: 

Die Stellungnahme des EbM-Netzwerkes vom 8.9.2020 mit aktuellen Ergänzungen finden Sie hier auch zum Download als Pdf-File

Beitragsbild: von Dan DeAlmeida auf Unplash