Mit großer Freude und ehrlich überrascht konnten wir feststellen, dass sich nun auch die etablierte Presse ergebnisoffener als bisher mit dem Thema Vitamin D und COVID-19 beschäftigt. Am 20.01.2021 veröffentlichte Hildegard Kaulen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den wissenschaftsjournalistischen Artikel VITAMIN-D-THERAPIE: Mit Licht und Fisch gegen Corona. Auch wenn dieser nicht gänzlich fehlerfrei ist, so markiert der Beitrag doch einen willkommenen Richtungswechsel im oft gescholtenen „Mainstream“. Öffnet sich der Journalismus der kritischen Wissenschaft?

Zu oft wurden in diversen Populär-Medien schon Arbeiten veröffentlicht, die im Kern lediglich eine lieblose Aneinanderreihung längst widerlegter Internet-Mythen darstellen und die Aussagen aktueller Studienergebnisse und anerkannter Wissenschaftler rund um das Thema Vitamin D ignorierten. 

Hildegard Kaulen wählte für die Frankfurter Allgemeine Zeitung nun erfreulicherweise einen anderen Weg und zeigt auf, dass sie sich insbesondere durch die Nennung von Adrian Martineau, und dessen im Jahr 2017 erschienen Metastudie[1], tiefergehend mit der Thematik Vitamin D und Immunsystemregulation beschäftigt hat. 

Martineau konnte – freilich zu Vor-SARS-CoV-2-Zeiten – anhand einer Zusammenfassung von 25 Einzelstudien mit insgesamt 11.321 Teilnehmern nachweisen, dass die Gabe von Vitamin D zu einem Drittel weniger infektiöser Atemwegserkrankungen bei den Probanden führte.

Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg kommt zu ähnlichen Ergebnissen, diesmal konkret in Bezug auf Vitamin-D-Mangel und COVID-19 und mit noch beeindruckenderen Zahlen [2]. Die Akademie für menschliche Medizin nahm diese Studie kürzlich zum Anlass für folgenden Aufruf: 

 

Überrascht der Zusammenhang zwischen unserem Vitamin-D-Spiegel und der Funktionsfähigkeit unseres Immunsystems? Ganz und gar nicht.

Denn Vitamin D ist aufs engste mit der Regulation des Immunsystems in unserem Körper verbunden. Das Sonnenhormon hilft therapeutisch und präventiv gegen viele Arten von Infektionskrankheiten wie Corona, Influenza, Malaria oder Tuberkulose, indem es auf natürliche Weise das Immunsystem und die Abwehrkräfte unterstützt. Dies scheint eine der evolutionär angelegten ersten Aufgaben von Vitamin D in unserem Körper zu sein, die bereits in der Schwangerschaft in Abhängigkeit vom Vitamin-D-Spiegel der Mutter entwickelt wird. 

Weil nahezu alle Körperzellen Rezeptoren für Vitamin D haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass dies auch für die Zellen des Immunsystems gilt. Tatsächlich produziert ein Großteil der Immunzellen, inklusive der B- und T-Lymphozyten, einen Vitamin-D-Rezeptor und es ist bereits beobachtet worden, dass Immunzellen das gespeicherte Vitamin D (25(OH)D3, Calcifediol) in seine aktive Form (1,25(OH)2D3, Calcitriol) umwandeln. Bei Chirumbolo et al. wird Vitamin D daher als Überlebens-Molekül bezeichnet [3].

Abb. 1: Vitamin D als „Überlebens-Molekül“ durch Modulation des Immunsystems auf zwei verschiedenen Wegen: Hemmung der Entzündungsreaktion infolge von zellulärem Stress (roter Pfeil) und Förderung spezieller Immunzellen zur Unterstützung von Reparaturprozessen (grüner Pfeil). ([3], Bildquelle: Hevert) 

Eine elementare Voraussetzung ist allerdings, dass der Körper über den erforderlichen Vitamin-D-Spiegel verfügt. Reicht die Eigenproduktion mit Hilfe der Sonne nicht aus, ist es ratsam, einen  Mangel durch die möglichst tägliche Gabe von Vitamin D zu beseitigen. Am besten mit einer Dosis, die groß genug ist, um den Spiegel in einen Bereich von mindestens  40-60 ng/ml anzuheben. Nur dann kann Vitamin D seine positiven Wirkungen auf verschiedene Infektionskrankheiten, Autoimmunerkrankungen, Allergien und das gesamte Immunsystem vollumfänglich entfalten. 

Die Logik der Evolution

Doch wieso sollte es dann überhaupt nötig sein, Vitamin D „künstlich“ durch entsprechende Nahrungsergänzungsmittel zuzufügen? Ist die Evolution etwa doch nicht so perfekt? Die Antwort lautet: Doch, das ist sie – jedoch steht unser moderner Lebensstil schlichtweg oft im Widerspruch mit dem biochemischen Design unseres Körpers. Zwar waren unsere Vorfahren zweifellos Höhlenbewohner, doch selbst diese verbrachten den lieben langen Tag eben nicht in geschlossenen Räumen, sondern waren schwer beschäftigt mit ihren Jäger- und Sammleraktivitäten im Freien.  

Angesichts der rasanten technischen Entwicklung der Moderne vergessen wir schnell, dass die Zeit der daraus hervorgegangenen sogenannten Zivilisation nur ein Augenblinzeln im Vergleich zu den hunderttausenden Jahren ausmacht, in denen sich unser Organismus ideal an seine Lebenswelt anpasste und evolutionär formte. Wir sind Höhlenmenschen mit Laptops oder je nach Geschmackslage weiterentwickelte Affen mit Smartphones. Dies sollte in Zeiten vermeintlicher wissenschaftlicher Durchbrüche, wie der mRNA-Technologie, nicht vergessen werden.

Was bedeutet dies nun in Bezug auf das Thema Vitamin D? Nun, zuallererst lässt sich aus der oben kurz umrissenen Entwicklungsgeschichte des Menschen ein ganz und gar logischer Schluss ziehen: Für das fehlerfreie Funktionieren müsste unser Körper weit häufiger, länger und durchaus auch weniger bekleidet dem Sonnenlicht ausgesetzt sein, als dies heute der Fall ist. Da dies so ist, leiden wir unter Vitamin-D-Mangel. Außer wir tun etwas dagegen. Es ist so simpel, wie es klingt.

Möglichkeiten, dem Vitamin-D-Mangel zu begegnen

In der Tat existiert eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um unserem Körper ausreichend Vitamin D zuzuführen. Um gleich einer hartnäckigen Falschinformation zu entgegnen, die es auch noch – trotz aller Bemühungen der Autorin – in den FAZ-Artikel von Hildegard Kaulen geschafft hat: In den Monaten Oktober bis März erzeugen wir in unseren Breitengraden kein Vitamin D durch Spaziergänge im Freien. Auch wenn Bewegung und frische Luft immer ratsam sind, sorgt der Winkel der Sonne zur Erde in diesen Monaten schlichtweg dafür, dass die für die Vitamin-D-Produktion nötige UV-B-Strahlung von der Atmosphäre abgeblockt wird. Generell gilt: Ihr Schatten muss kürzer sein, als Sie selbst, damit Sie Vitamin D bilden. Und auch im Sommer reicht nicht die Abendsonne und auch nicht das Bräunen der Oberarme aus. 30 Minuten tägliches Sonnenbad, möglichst unbekleidet und zur Mittagszeit sollten es schon sein, wenn Sie – zumindest in den Sommermonaten – ausreichend viel Vitamin D selbst produzieren wollen. Das heißt aber nicht, dass Sie in der guten Stube bleiben sollten: Bewegung und UV-A-Strahlung sowie Tageslicht haben ebenfalls positive Wirkungen auf das Immunsystem und das System Mensch insgesamt.

Eine weitere Möglichkeit bietet natürlich der Besuch von Solarien. Auch die künstliche UV-B-Strahlung regt die körpereigene Vitamin-D-Produktion an. Ein nicht unbedeutender Nachteil: Aufgrund der aktuellen Lockdown-Maßnahmen, müssten Sie schon eine Sonnenbank zu Hause haben, um auf diesem Wege ihre Vitamin-D-Speicher aufzuladen. Ein Weg also, der sich sicherlich nur für eine Minderheit eignet.

Natürlich erhält auch unsere Nahrung Vitamin D. Hildegard Kaulen fasst für die FAZ Lebensmittel, die besonders reich an unserem wertvollen Sonnenhormon sind, in ihrem Beitrag korrekt zusammen: Eier, Pilze, Lachs, fetter Seefisch. Unbedingt! Greifen Sie kräftig zu und schlemmen Sie! In erster Linie bringen Sie damit allerdings Ihre Omega-3-Versorgung auf Vordermann. Auch diese ist ein weiterer wichtiger Grundpfeiler eines gesunden Organismus, Ihr Vitamin-D-Problem wird sich damit aber nicht lösen lassen.

Denn zur Wahrheit gehört auch, dass Sie täglich in etwa 1 kg Steinpilze, 18 Eier, 10 kg Käse oder Kalbsleber und 400 g Makrele verputzen müssten, um Ihren Vitamin-D-Bedarf mit der Nahrungsaufnahme zu decken.

Bleibt die Möglichkeit der Supplementation – der Einnahme von Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel in Form von Pillen, Kapseln oder noch besser in Tropfenform. Die Akademie für menschliche Medizin empfiehlt diesen Weg. Nicht aus ideologischen Gründen oder wirtschaftlichem Interesse, sondern schlichtweg, weil diese Möglichkeit am praktikabelsten ist, um das Problem des Vitamin-D-Mangels schnell, kostengünstig und effizient zu beheben. In unseren FAQ beantworten wir Ihnen konkrete Fragen zur Vitamin D-Einnahme >>

Vitamin D und COVID-19

Es mangele trotzdem noch an weiteren aussagekräftigen, klinischen placebo-kontrollierten Doppelblindstudien mit hoher Probandenzahl zum Thema Vitamin D und COVID-19, monieren Kritiker weiterhin. Wieso werden in der aktuellen Notlage nicht längst umfangreichere Arbeiten erstellt, während die ganze Welt im Lockdown verharrt und die Lösung wohl doch so leicht erscheint, fragen Sie nun vielleicht? 

Die Antwort ist wahrscheinlich recht einfach: Vitamin D ist kein Medikament im eigentlichen Sinne, es handelt sich um ein körpereigenes Hormon und ist nicht patentiert. Es lässt sich kein großes Geschäft mit dem Sonnenhormon machen. Lassen Sie uns also diesen Beitrag mit einer „Anti-Verschwörungstheorie“ beenden: Die Studien liegen deshalb nicht vor, weil (fast) niemand ein Interesse daran hat, diese zu finanzieren! 

Natürlich sollten Sie diese letzte Aussage mit einem Augenzwinkern lesen. Ganz korrekt ist sie auch nicht. Beachtliche 59 wissenschaftliche Studien sind derzeit (Stand 4.11.20) zum Thema Vitamin D, SARS-CoV-2 und COVID-19 angekündigt. Die gesamte Übersicht und weitere, bereits veröffentlichte Arbeiten finden Sie in der kürzlich erschienenen Publikation Plan B – Eine Toolbox zur Stärkung des eigenen Immunsystems in Zeiten von SARS-COV-2 und COVID-19 der Deutschen Stiftung für Gesundheitsinformation und Prävention (DSGiP).

Selbstverständlich werden wir Sie auch über die Ergebnisse dieser Arbeiten informieren. Handeln sollten Sie ungeachtet dessen schon jetzt.

Bleiben Sie gesund!

Ihr

AMM-Team 


In der Spitzen-Eventreihe Vitamin D mit dem Untertitel "Gemeinsam gesund durch die sonnenlose Zeit" liefern wir einen umfangreichen Überblick über alles Wissenswerte zum Thema Vitamin D. Melden Sie sich jetzt kostenfrei an unter  http://vitamindevent.de


Literaturverweise:

[1] Martineau, A., et al. (2017). Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory tract infections: systematic review and meta-analysis of individual participant data. BMJ. 2017 Feb 15;356:i6583. doi: 10.1136/bmj.i6583. Advance online publication. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28202713/ 

[2] Radujkovic, A., Hippchen, T., Tiwari-Heckler, S., Dreher, S., Boxberger, M., & Merle, U. (2020). Vitamin D Deficiency and Outcome of COVID-19 Patients. Nutrients, 12(9), 2757. https://doi.org/10.3390/nu12092757

[3] Chirumbolo, S., Bjorklund G. et al. (2017). The Role of Vitamin D in the Immune System as a Pro-survival Molecule. In: Clinical therapeutics 39 (5), S. 894–916. DOI: 10.1016/j.clinthera.2017.03.021. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28438353/

Beitragsbild: von Pete Linforth auf Pixabay

von Prof. Dr. med. Jörg Spitz & Sebastian Weiß

Erscheinungsjahr 2020

von Prof. Dr. med. Jörg Spitz, Alexander Martens, Sebastian Weiß

Erscheinungsjahr 2020