Tag für Tag handeln und interagieren wird mit der Außenwelt, ihren Chancen, Tücken und Risiken. Dabei ist uns kaum bewusst, dass es auch eine sehr große Welt in unserem Inneren gibt: das menschliche Mikrobiom.  Beheimatet in unseren Schleimhäuten, in unseren Gelenken und auf der Haut befindet es sich in ganz besonders großzügiger Ausstattung vor allem in unserem Darm. Seit mehreren Jahren ist das Mikrobiom Mittelpunkt spannender Forschungsprojekte und es stellt sich mehr und mehr heraus, dass es entscheidend auf unsere Gesundheit einwirkt.

Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass der Darm mit dem Hirn kommuniziert und sich in ständigem Austausch befindet. Beschrieben wird dieser Signalübertragungs-Weg als Darm-Hirn-Achse. Unter diesem Aspekt erscheint eine weitere Erkenntnis: Mikrobiom und  Darm-Hirn-Achse dürften zu einem wesentlichen Anteil an der Entwicklung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen (chronic inflammatory diseases – CID) beteiligt sein.

Inhaltsverzeichnis

Fünf Faktoren, die zur Entwicklung von CID führen

Chronisch-entzündliche Erkrankungen werden als Pandemie des 21. Jahrhunderts gehandelt.  Darunter fallen Schlagworte wie Angsterkrankungen, bipolare Störungen und Depression, ADHS, Autismus, Multiple Sklerose oder Demenz. Die Ursachenforschung läuft seit Jahren auf Hochtouren. Es steht die Hypothese im Raum, dass wir durch übersteigerte und übertriebene Hygienemaßnahmen zu wenig mit der Vielfalt an gesunden Mikroorganismen aus der natürlichen Umwelt in Kontakt kommen, welche für eine körpereigene, schützende Mikroflora sorgt.

Bisher konnten außerdem fünf Faktoren identifiziert werden, die zur Entwicklung der CID beitragen:

  1. die genetische Disposition
  2. Umwelt- und Umgebungsfaktoren und unser Verhalten in dieser Umwelt
  3. eine Steigerung von Darmbarriere-Störungen und damit verbunden eine erhöhte Darmdurchlässigkeit
  4. das Immunsystem mit seiner Eigenheit, auf diverse Umwelttrigger entzündlich zu reagieren
  5. die Zusammensetzung des Mikrobioms und sein epigenetischer Einfluss auf die menschliche Genexpression.

Wie genau kann man sich nun den Einfluss des Mikrobioms und der Darm-Hirn-Achse vorstellen? Welche Prozesse führen zur begünstigten Entwicklung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen, neurologischen Dysfunktionen oder gar Verhaltensänderungen?

Ein intaktes Mikrobiom und eine stabile Darmbarriere als Schutz vor Krankheit

Der Mensch ist täglich in ständigem Austausch mit der Umwelt und es ist nicht zu verhindern, in Kontakt mit negativen Umwelteinflüssen zu kommen. Führt das unmittelbar zu einer ernsthaften Gefahr? Nein. Eine physiologisch gesunde Darmflora und eine intakte Darmbarriere bilden gemeinsam ein stabiles System, das gegen Pathogene von außen schützt und sie nicht in den Körper eindringen lässt. Gelangen beispielsweise bei der Nahrungsaufnahme neben gesunden Nährstoffen auch “Feinde” in unseren Darm, haben diese keine Chance einen Schaden anzurichten. Eine vorübergehende Exposition von Pathogenen ist bei einem gesunden Darm also kein Problem.

Pathologische Darmfunktion und Entwicklung von Neuroinflammation

Durch einseitige und ungesunde Ernährung, Chemikalien und Schadstoffe, dauerhaftem Stressempfinden oder auch Schlafstörungen kann die Darmbarriere nachhaltigen Schaden nehmen und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Ähnliche und viele weitere Faktoren führen auch dazu, dass das Mikrobiom nachhaltig gestört wird und sich eine Dysbiose entwickelt - eine Zusammensetzung von ungünstigen Mikroorganismen, die zu wuchern beginnen.

Das gesamte System ist instabil. Gelangt nun ein Erreger in das Darminnere, kann er ungehindert die gestörte Darmbarriere überwinden und in den Körper und die Blutbahn eindringen. Das Immunsystem wird in Alarmbereitschaft versetzt. Es entwickelt sich ein pro-inflammatorisches Geschehen, um den Erreger zu eliminieren. Im weiteren Verlauf wird die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse zentral. Die Anzahl an Immunzellen steigt kontinuierlich an, es erfolgt eine Mobilisation dieser Immunzellen in das Gehirn, welches regelrecht überschwemmt wird von der Vielzahl an entzündungsfördernden Zytokinen. Damit sind die zugrundeliegenden Prozesse geebnet für die Entwicklung einer Neuroinflammation, einer Entzündung im Gehirn, welche zu neurologischen Dysfunktionen, einer Entregelung des parasympathischen Nervus Vagus und sogar Verhaltensänderungen führt. Überschießenden Stressreaktionen, “Gehirnnebel” und konzentrativen Störungen, depressiven Verstimmungen oder Ängsten wird ein Entstehungsprozess in dieser Form nachgesagt.

Aktuelle Studienlage zum Mikrobiom bei Autismus

Autismus gilt als eine der vielen chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Die Zahl an Kindern, welche an Autismus leiden, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Heutzutage erkrankt eines von 58 Kindern an Autismus, ein 35-facher Anstieg seit dem Jahr 1960. Lebensstilveränderungen, Veränderungen von Umweltfaktoren und die westliche Ernährung sind wesentliche Ursachen dieser Entwicklung. Untersuchungen bei erkrankten Kindern zeigen, dass der Biomarker Zonulin, welcher eine vermehrte Darmdurchlässigkeit anzeigt, deutlich erhöht ist im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen (Esnafoglu et al., 2017). Auch konnte nachgewiesen werden, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms sich deutlich unterscheidet im Vergleich zur Kontrollgruppe und dass die Anzahl an pro-entzündlichen Immunzellen im Gehirn nachweislich erhöht ist (Rose D.R. et al., 2018). Kang et al. (2017) zeigen anhand einer weiteren Studie, dass mittels Mikrobiom-Transfer und der damit verbundenen Veränderung der Darmflora  eine drastische Senkung der autismus-typischen Symptome und Verhaltensweisen erzielt werden kann.

Zwischen Darmgesundheit und Autismus besteht also ein nachweislicher Zusammenhang. Bestenfalls werden diese Ergebnisse in der Zukunft genutzt, um das Fundament für eine nachhaltige und ursächliche Behandlung zu setzen.

Prof. Fasano schildert die Verbindung von Darm-Hirn-Achse und Entwicklung chronisch-entzündlicher Erkrankungen eindrücklich in seinem Vortrag im Rahmen vom “Kongress für menschliche Medizin - Burnout & Depression”. In der umfassenden Vortragsreihe des Kongresses finden Sie viele weitere hochqualitative Fachvorträge nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sowie Impulse und Anregungen zum Thema Depression und Burnout.

Das Fazit, das wir aus diesem Artikel ziehen möchten ist: Wenn wir der Welt in unserem Inneren nur halb so viel Aufmerksamkeit schenken, wie der Welt im Außen, können wir bereits einen immensen Beitrag zu unserer eigenen Gesundheit und der Gesundheit unseres Nervensystems beitragen. Gesunde Darmfunktion - gesundes Nervensystem.

Bleiben Sie mental gestärkt!

Ihre AMM

Beitragsbild:

Foto #323973076 von Adobe Stock

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