Dr. Maria Wolke

Inhaltsverzeichnis

Essen – mehr als reine Energieversorgung

Dass Essen Emotionen erzeugt, ist bekannt: Wir essen, um uns besser zu fühlen, um nach einem anstrengenden Tag „runter zu kommen.“ Wir essen, wenn wir uns einsam fühlen und uns langeweilen. Seit frühester Kindheit werden wir, über Generationen hinweg, darauf ausgerichtet, Nahrungsaufnahme, insbesondere den Verzehr von Süßspeisen, als Belohnung für uns selbst und für unsere Nahestehenden anzuwenden. Schon Babys bekommen zur Beruhigung Honig auf den Schnuller, wohlwissend, aus generationsübergreifenden Erfahrungen, dass Zucker rein biologisch, kurzfristig auch den kindlichen Organismus beruhigt. Früh lernt der Körper sich mit Essen zu trösten.

„Wir leben nicht, um zu essen, sondern wir essen, um zu leben“ (Sokrates)

Sozialgeschichtlich gesehen war Ernährung immer schon mehr als eine reine Energieversorgung. Jede Kultur der Welt besitzt ihre eigenen, spezifischen, teilweise an die Religion gebundenen Ernährungs-gewohnheiten. Allen Kulturen gemein ist das Wissen über den Zusammenhang zwischen leckeren Speisen und angenehmen Emotionen. Und auch, dass Traurigkeit und Melancholie den Hunger vertreiben, ist nicht neu. Bereits alte, antike Schriften erwähnen den Zusammenhang zwischen negativen Emotionen und Appetitverlust. Unerwartete Lebensereignisse schlugen den Menschen immer schon „auf den Magen“.

Essen und Emotionsregulation

Ob wir viel oder wenig essen hat einen weitreichenden Einfluss auf essenzielle biologische Vorgänge im Körper und somit auch auf das Befinden. Jede einzelne Zelle ist auf Glucose angewiesen. Ist der Organismus, insbesondere das Gehirn, nicht zu genüge mit Energie und Nährstoffen versorgt, kann er seinen Aufgaben nicht nachgehen: Wir fühlen uns müde, energielos, gereizt. Wird dem Körper über eine lange Zeit zu viel, zu wenig oder die falsche Nahrung verabreicht, hat es weitreichende Folgen für den Körper, die Psyche und das Verhalten.

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Ersetzt Schokolade Liebe?

„Wenn ich erregt bin, gibt es nur ein Mittel, mich völlig zu beruhigen: Essen“ sagt Oscar Wilde.
Und tatsächlich macht Essen vorübergehend ruhiger und glücklich(er). Zucker wirkt, wie eine Droge, direkt auf das Belohnungssystem im Gehirn ein. Es verursacht positive Gefühlserlebnisse (Belohnungseffekt) und ist verantwortlich dafür, dass das Verlangen nach „noch mehr Zucker“ (Belohnung) steigt. Das Wohlgefühl nach dem Verzehr von Süßspeisen ist, unter anderem auf den Botenstoff Dopamin zurückzuführen. Dopamin sorgt für eine kurzfristige Stimmungsaufhellung. Langfristig lernt der Organismus durch Dopamin Nahrungsmittel wie z. B Schokolade mit dem Gefühl „sich besser zu fühlen“ zu verknüpfen. Das bedeutet, dass bereits ein Gedanke an den Verzehr einer Speise und die geweckte Erwartung der Belohnung (sich besser fühlen durchs Essen) den Dopamin Spiegel erhöhen. Ein potenzieller Esssuchtkreislauf zur Emotionsregulation kann entstehen.

Wenn das Essen zur Sucht wird

Essen und Emotionsregulation stehen sowohl biologisch als auch psychologisch in einem direkten Zusammenhang. Gerät die Essroutine durcheinander hat es sowohl für den Körper als auch für das persönliche Befinden Folgen. Eine stressbedingte, eingeschränkte Fähigkeit die eigenen Emotionen zu regulieren, wie sie in langen Stress- und Belastungsphasen auftritt, gilt als eine der Ursachen von Psychopathologien und Essstörungen [1].

Die erste wissenschaftliche Erfassung des krankhaften Fastens, also des Krankheitsbildes der Anorexia Nervosa, ist auf das 19. Jahrhundert zurückzuführen. Bulimia Nervosa und Binde Eating werden hingegen erst im 20. Jahrhundert in wissenschaftlicher Literatur erwähnt, was auf die Veränderung soziokultureller Strukturen zurückzuführen ist.

Essstörungen (ES)  – eine Eingrenzung

Um von einer Essstörung sprechen zu können, müssen die folgenden Merkmale vorliegen:

  1. Das Essverhalten ist verändert: z. B. intensives Fasten, Erbrechen von Mahlzeiten und

Das veränderte Essverhalten führt zur körperlichen Gefährdung (z. B. Untergewicht, Störung im Mineralstoffwechsel) oder psychischer Beeinträchtigung (z. B. gesamte Aufmerksamkeit wird durch Gedanken an Essen aufgesogen, Depression) [2].

Zunahme der ES-Diagnosen schon vor Pandemie

Von Essstörungen sind in der EU und den USA ca. 3 - 6 % der Menschen betroffen. Deutsche Krankenkassendaten, die zwischen dem Jahr 2010 und 2016 erhoben wurden, deuten zudem bereits vor der Pandemie auf eine Zunahme von Essstörungsdiagnosen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen um das Zweifache hin. Auch in den Altersgruppen der 35 - 39-Jährigen zeigt sich ein bedeutsamer Anstieg der Störung [3].

Untersuchungen ergeben erwartungsgemäß, dass die Corona Pandemie, und die damit einhergehende psychische Belastung die Lage noch verschlimmern. 62% der Bevölkerung berichtet einen deutlichen Einbruch im allgemeinen Wohlbefinden [4]. Die begleitend auftretenden, angsterzeugenden, negativen Gedanken und destruktiven Emotionen wie Ohnmacht und Furcht beeinflussen unter anderem das (Ess-)Verhalten und können auf bestehende psychische - und Essstörungen einen negativen Einfluss nehmen [3], [5], [7].

Einfluss der Pandemie auf das Essverhalten der Deutschen

Die Folgen der sozialen und persönlichen Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie belasten Untersuchungen zu Folge bis heute viele Menschen [6] und fördern als Nebeneffekt der Langzeitsorgen eine Gewichtszunahme in Deutschland:

Eine Studie der Technischen Universität München (TUM), die im Frühjahr 2022 durchgeführt wurde, stellte sich die Frage, ob und inwiefern die pandemiebedingte, langandauernde psychische Belastung das Befinden und das Essverhalten der Deutschen beeinflusst hat.

Dazu wurde das Wohlbefinden, das Essverhalten und das Körpergewicht von n = 1005 punktuell ausgewählten Erwachsenen in Deutschland nach mehr als 2 Jahren Pandemie erhoben.

Die persönlich empfundene Zunahme psychischer Belastung bei 62% der Erwachsenen spiegelt sich deutlich im angegebenen Essverhalten wider. 35% der Befragten berichten, innerhalb der vergangenen 2 Jahre, im Durchschnitt 6,5 kg an Körpergewicht zugenommen zu haben. Diese Gruppe fühlt sich emotional stärker von der Situation betroffen und scheint Süßwaren und Knabberartikel als Hilfe im Umgang mit den eigenen Emotionen zu konsumieren [4].

Schlechte Essgewohnheiten oder doch Essstörungen?

In Bezug auf Nahrungsaufnahme ist es wichtig zu unterscheiden: Handelt es sich „nur“ um ein ungesundes Essverhalten, wo der Wunsch besteht, sich nachhaltig zu verändern? In diesem Falle können ggfs Ärzte, Heilpraktiker, Coaches und Ernährungsberater aus unserem Netzwerk helfen, das Problem anzugehen.

Online-Beratungsplattform der AMM »

Berater & Partner im Netzwerk Spitzen-Gesundheit »

Oder ist die Essroutine so weit durcheinander, dass eine Essstörung vermutet werden kann? In diesem Fall können Beratungsstellen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) Informationsmaterial bereitstellen und ggf. an die notwendigen Fachpersonen weiterleiten.

Es ist ferner möglich über einen gezielten Eingriff in die Atmung, nach ca. 8 – 12 Wochen täglicher Übung, die Intensität und die Schwelle des Ausbruchs der Emotionen zu verschieben, die so unangenehm sind, dass z. B. aus Frust gegessen werden muss. Kontrollierte Atmung bietet einen gesunden Weg über den Körper, rein physiologisch Emotionen zu modifizieren und langfristig dafür zu sorgen, dass die emotionale Selbstwirksamkeitserwartung, auch in Bezug auf Verhaltensänderung steigt [8]. Freuen Sie sich auf unseren nächsten Artikel zu diesem Thema.

Literatur

  1. Prefit, A., Candea, D. M., Szentagotai – Tatar, A. (2019). Emotion regulation across eating pathology: A meta-analysis. Appetite, 143, 104438.
  2. Sipos, V. & Schweiger, U. (2011). Therapie der Essstörungen durch Emotionsregulation. 3 Auflage, Kohlhammer: Stuttgart.
  3. Cohrdes, C., Göbel, K., Schlack, R. & Hölling, H. (2019). Essstörungssymptome bei Kindern und Jugendlichen: Häufigkeiten und Risikofaktoren Bundesgesundheitsblatt, 62, 1195 - 1204.
  4. TUM, 2022. Seelische Belastung und Essverhalten in der Pandemie.
  5. Kaman, A., Napp, A. K., Gilbert, M. et al. (2022). Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse der BELLA-Kohortenstudie. Psychotherapie im Dialog, 23(01), 77 - 80.
  6. AXA 2020: AXA Deutschland – Mental Health report.
  7. Cooper, M., Reilly, E. E., Siegel, J. A. et al., (2022). Eating disorders during the COVID -19 pandemic and quarantine: an overview of risks and recommendations for treatment and early intervention. Eating Disorder, The Journal of Treatment & Prevention, 30, 54 - 76.
  8. Jerath, R. & Beweridge, C. (2020). Respiratory rhythm, autonomic modulation, and the spectrum of emotions: The future of emotion recognition and modulation. Frontiers in Psychology, 14(11), 1980.

Photo by Denny Müller on Unsplash

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