Alzheimer nimmt weltweit zu – und bislang fehlen wirksame Mittel, den Krankheitsverlauf entscheidend zu beeinflussen. Die Kosten für die Gesundheitssysteme gehen in die Billionen, das Leid der Betroffenen ist unermesslich. Eine neue Studie in Nature [1] zeigt nun: Lithium könnte bei Prävention und Behandlung eine entscheidende Rolle spielen. Forscher beobachteten, dass bei Menschen mit Alzheimer signifikant weniger Lithium im Gehirn vorhanden ist und dass dieser Mangel direkt mit Gedächtnisverlust und Hirnschädigungen verknüpft ist. In Tiermodellen ließ sich der Prozess durch Lithiumgabe aufhalten oder sogar umkehren. Wir erklären, wie diese Erkenntnisse unser Verständnis von Alzheimer verändern und welche Chancen sich daraus ergeben.

Kurz zusammengefasst

Wie hängt Lithium mit Alzheimer zusammen?
Die Studie zeigt, dass ein Lithium-Mangel im Gehirn frühe Alzheimer-Veränderungen begünstigt.
Welche Rolle spielen Amyloid-Plaques?
Lithium wird in Plaques gebunden, was die Verfügbarkeit im Gehirn reduziert und pathologische Prozesse verstärkt.
Kann Lithium Alzheimer verhindern oder behandeln?
In Tiermodellen verhinderte Lithiumorotat Plaquebildung und Gedächtnisverlust, was Chancen für Prävention eröffnet.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine gezielte Lithium-Supplementierung die Prävention und Therapie unterstützen könnte.

Lithium-Mangel als möglicher Auslöser von Alzheimer

Alzheimer ist durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, umweltbedingter und biochemischer Faktoren geprägt. Die aktuelle Studie zeigt erstmals, dass ein Mangel an Lithium im Gehirn direkt mit frühen Krankheitsprozessen zusammenhängt. Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI), einem Vorläuferstadium von Alzheimer, waren die Lithiumwerte im präfrontalen Cortex signifikant niedriger als bei gesunden Kontrollpersonen. Auch bei Alzheimer-Patienten bestätigte sich dieser Befund. Damit rückt ein bisher unterschätztes Spurenelement in den Fokus, das möglicherweise an der Entstehung der Krankheit beteiligt ist.

Wie Lithium im Gehirn wirkt und warum es so wichtig ist

Lithium ist ein Spurenelement, das in geringen Mengen für die Funktion von Nervenzellen entscheidend ist. Die Forscher zeigen, dass Lithium im Gehirn nicht gleichmäßig verteilt ist, sondern vor allem im präfrontalen Cortex (Stirnhirnrinde) eine wichtige Rolle für Gedächtnisleistungen spielt. Wird Lithium aus der Nahrung oder durch krankheitsbedingte Prozesse wie Amyloid-Ablagerungen verringert, führt dies zu verstärkter Tau-Phosphorylierung, zu Entzündungsprozessen und zu einem Abbau von Synapsen und Myelin. Dieser Mangel beschleunigte in Mausmodellen den kognitiven Abbau deutlich – ein Hinweis darauf, wie eng Lithium mit der Aufrechterhaltung geistiger Funktionen verbunden ist.

Alzheimer, Demenz und die Rolle von Amyloid-Plaques

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und eng mit der Ablagerung von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen verbunden. Die Studie konnte zeigen, dass Lithium in genau diesen Plaques gebunden und damit dem restlichen Gehirngewebe entzogen wird. Dadurch sinkt die Verfügbarkeit von Lithium in den betroffenen Hirnregionen weiter, was die schädlichen Prozesse beschleunigt. In Mausmodellen führte ein künstlich herbeigeführter Lithium-Mangel zu mehr Amyloid-Ablagerungen und verstärkter Tau-Pathologie. Dieser Mechanismus liefert einen möglichen Erklärungsansatz, warum Alzheimer mit so massiven Störungen von Gedächtnis und Verhalten einhergeht.

Vier Mäuse im Morris Wasserlabyrinth, einem runden Wasserbecken mit Orientierungspunkten. Testverfahren in der Alzheimer-Forschung zur Untersuchung von Gedächtnis und Lernverhalten
Morris-Wasserlabyrinth mit für Mäuse unsichtbarer Plattform – Prinzipbild

Studienergebnisse: Lithium schützt vor Gedächtnisverlust

Die Harvard-Forscher untersuchten, wie sich eine Lithium-Supplementierung auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Besonders wirksam zeigte sich Lithiumorotat, ein Salz, das weniger stark an Amyloid bindet. In Tiermodellen konnte dieses Präparat die Bildung von Amyloid-Plaques nahezu vollständig verhindern und bereits bestehende Ablagerungen deutlich reduzieren. Auch Gedächtnistests zeigten klare Verbesserungen: Mäuse mit Lithiumgabe schnitten im Morris-Wasserlabyrinth deutlich besser ab als unbehandelte Tiere. Diese Daten deuten darauf hin, dass Lithium nicht nur schützende Effekte hat, sondern auch kognitive Funktionen wiederherstellen kann.

Perspektiven für Prävention und Therapie bei Alzheimer

Die Ergebnisse eröffnen neue Chancen für Prävention und Therapie der Alzheimer-Krankheit. Wenn Lithium tatsächlich ein Schlüsselfaktor für die Aufrechterhaltung kognitiver Funktionen ist, könnte eine gezielte Supplementierung helfen, die Erkrankung hinauszuzögern oder abzumildern. Besonders vielversprechend ist nach Meinung der Forschenden Lithiumorotat, das in den Studien die besten Resultate zeigte, ohne toxische Nebenwirkungen wie bei höheren Dosen von Lithiumcarbonat zu verursachen. Für die Praxis bedeutet das: Wir stehen möglicherweise am Anfang eines neuen Ansatzes, bei dem die Versorgung mit Spurenelementen ebenso wichtig sein könnte wie Medikamente oder Lebensstilfaktoren in der Demenzprävention.

Fazit: Vom Wissen ins Handeln kommen

Die neue Studie macht deutlich: Ein scheinbar unscheinbares Spurenelement wie Lithium kann große Auswirkungen auf die Entwicklung von Alzheimer haben. Sie eröffnet damit nicht nur neue Forschungsfelder, sondern auch konkrete Perspektiven für Prävention und Therapie. Doch entscheidend ist, dass wir dieses Wissen auch in die Praxis tragen und uns selbst wie auch unsere Patienten aktiv informieren und weiterbilden. Werden Sie Mitglied im Haus der hellen Köpfe und bilden Sie sich dort weiter.

Referenz:

[1] Aron, L., Ngian, Z. K., Qiu, C., Choi, J., Liang, M., Drake, D. M., Hamplova, S. E., Lacey, E. K., Roche, P., Yuan, M., Hazaveh, S. S., Lee, E. A., Bennett, D. A., & Yankner, B. A. (2025). Lithium deficiency and the onset of Alzheimer’s disease. Nature. Advance online publication. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09335-x

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