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Ein Gastbeitrag von Dr. med. Frank Ingwersen.
In meiner 20-jährigen psychiatrischen Praxistätigkeit sehe ich zunehmend Erschöpfungszustände, Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme oder depressive Symptome, bis hin zu Angststörungen. Diese werden häufig primär als psychische Phänomene betrachtet. Aus humanmedizinischer Sicht und auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen im Alltag sind diese Beschwerden jedoch eng mit biologischen Grundlagen verknüpft – insbesondere mit dem Zellstoffwechsel. Gehirn und Nervensystem zählen zu den stoffwechselaktivsten Strukturen des Körpers. Bereits geringe Störungen auf zellulärer Ebene können sich daher spürbar auf Stimmung, Stressverarbeitung und geistige Leistungsfähigkeit auswirken.
Inhaltsverzeichnis
Kurz zusammengefasst
- Warum beeinflusst der Zellstoffwechsel die psychische Gesundheit?
- Weil Nervenzellen einen besonders hohen Energie- und Baustoffbedarf haben und bereits kleine Störungen im Zellstoffwechsel Stimmung, Stressverarbeitung und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können.
- Welche Rolle spielen Mikronährstoffe für das Gehirn?
- Mikronährstoffe wie B-Vitamine, Pantothensäure, Mangan und Phospholipide sind essenziell für Energieproduktion, Neurotransmittersynthese und den Erhalt funktionsfähiger Zellmembranen.
- Wie hängen Entzündung und Erschöpfung zusammen?
- Chronische, stille Entzündungen erhöhen den Nährstoffverbrauch, fördern oxidativen Stress und schwächen dadurch den Zellstoffwechsel von Nervenzellen.
- Warum ist die Zellmembran für mentale Leistungsfähigkeit entscheidend?
- Die Zusammensetzung der Zellmembran bestimmt Signalübertragung, Rezeptorfunktion und Stressreaktionen der Nervenzellen und beeinflusst damit Kognition und emotionale Stabilität.
Der Zellstoffwechsel als Fundament psychischer Gesundheit
Jede Nervenzelle ist auf eine kontinuierliche Versorgung mit Energie, strukturellen Bausteinen und funktionellen Molekülen angewiesen. Der Zellstoffwechsel umfasst dabei unter anderem:
- die Energiegewinnung in den Mitochondrien,
- die Synthese von Proteinen (Eiweißen), etwa für Enzyme und Neurotransmitter,
- den Aufbau und Erhalt der Zellmembranen (die Nervenzellen besitzen einen
- Zellwandbestandteil, der sich von den anderen Zellen unterscheidet),
- sowie Schutzmechanismen gegen oxidativen Stress.
Kommt es in einem oder mehreren dieser Bereiche zu Einschränkungen, kann dies die neuronale Signalübertragung beeinträchtigen – mit Folgen wie mentaler Erschöpfung, emotionaler Instabilität oder erhöhter Stressanfälligkeit, bis hin zu einer vermehrten Vergesslichkeit und demenziellen Entwicklung.
Eiweißsynthese und Psyche: Die Rolle der B-Vitamine
Proteine sind essenziell für die Funktion des Nervensystems. Sie bilden:
- Enzyme des Energiestoffwechsels,
- Rezeptoren und Transportproteine,
- sowie Neurotransmitter (Nervenbotenstoffe) und deren Vorstufen.
Fehlen diese Stoffe, kann sich der Mensch nicht mehr den Anforderungen des Alltags anpassen und erschöpf, typisch sind eine geringe Stresstoleranz, Schlafstörungen, Depressionen, Angst und Panikattacken.
Vitamin B6, B9 und B12
Die Vitamine B6 (Pyridoxin), B9 (Folat) und B12 (Cobalamin) spielen eine zentrale Rolle bei der Eiweiß- und Aminosäuresynthese. Sie sind notwendig für:
- die Umwandlung von Aminosäuren,
- die Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und GABA,
- sowie für Zellteilung und Reparaturprozesse im Nervengewebe.
Ein Mangel in diesem Verbund kann die Proteinsynthese beeinträchtigen und damit sowohl die Energieeffizienz als auch die Signalübertragung im Gehirn verschlechtern – ein möglicher biologischer Hintergrund von Erschöpfung und depressiven Symptomen. Als Biomarker einer gestörten Eiweißsynthese gilt der „ Homozysteinspiegel".
Besonders häufig zeigen sich in der Diagnostik meiner Praxis Folsäuremangelzustände. Häufig auf dem Hintergrund entzündlicher Erkrankungen, auch die sog. „Stillen Entzündungen" (Silent Inflammation) spielen hierbei eine Rolle. Mein Merksatz für die Patienten: „Entzündung frisst Folsäure"! Dieses ist besonders wichtig da in der gesamten Bevölkerung Entzündungen zunehmen. Unter diesem Aspekt sollte auch die ADS- und ADHS-Diagnose öfter betrachtet werden. Ich erlebe derzeit eine ADS- und ADHS-Diagnosewut in der „Psychiatrie-Landschaft". Auch das Lithium-Orotat kann sich dabei positiv auswirken.
[Anmerkung der Redaktion: Lithium-Orotat sollte nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt eingenommen werden, da Überdosierungen schwere gesundheitliche Folgen auslösen können; siehe auch: Lithium - Die NährstoffAllianz.]

Bild 1: Schematische Darstellung der Phagozytose: Ein extrazellulärer Partikel bindet an spezifische Rezeptoren der Zellmembran und wird durch Einstülpung der Membran in ein Vesikel (Phagosom) aufgenommen. Dieses fusioniert anschließend mit einem Lysosom, dessen Enzyme den aufgenommenen Partikel abbauen und unschädlich machen.
Pantothensäure (Vitamin B5): Dreh- und Angelpunkt des Energiestoffwechsels
Pantothensäure ist Bestandteil des Coenzyms A, das für nahezu alle energieabhängigen Stoffwechselreaktionen erforderlich ist. Darüber hinaus ist sie beteiligt an:
- der Synthese von Neurotransmittern,
- der Bildung von Stresshormonen in den Nebennieren.
Ein erhöhter Bedarf besteht insbesondere in Phasen chronischer Belastung. Ein Defizit kann sich in verminderter Stressresistenz und anhaltender Erschöpfung äußern.
Vitamin D (eine kurze Einordnung)
Vitamin D beeinflusst die Genregulation in Nervenzellen und ist an entzündungsmodulierenden Prozessen beteiligt. Es wirkt damit ergänzend auf neuronale Funktionen und psychische Stabilität, steht jedoch nicht im Zentrum dieses Artikels. Als Symptom eines Vitamin D-Mangels, zeigen sich in meiner psychiatrischen Praxis häufig Antriebsstörungen, Lustlosigkeit und Interessensverlust, worüber auch Dr. Jörg Spitz schon berichtet hat.
Mangan: Spurenelement für Energie und neuronalen Schutz
Mangan ist ein essenzielles Spurenelement und Cofaktor zahlreicher Enzyme des Zell- und Eiweißstoffwechsels. Besonders bedeutsam ist seine Funktion:
- in der mitochondrialen Energieproduktion,
- ist unentbehrlich bei der Dopamin-Synthese, ein Nervenbotenstoff, der bei der ParkinsonKrankheit im Mangel ist.
- als Bestandteil der Mangan-Superoxid Dismutase, einem wichtigen antioxidativen Enzym,
- bei der Stabilisierung neuronaler Stoffwechselprozesse.
Ein unzureichender Manganspiegel kann zu verminderter Energieproduktion und erhöhter oxidativer Belastung von Nervenzellen führen – Prozesse, die mit chronischer Erschöpfung und psychischer Vulnerabilität in Verbindung stehen.
Phospholipide: Struktur und Signalübertragung im Gehirn
Die Zellmembran von Nervenzellen ist eine hochdynamische Struktur. Ihre Zusammensetzung entscheidet darüber, wie effizient Reize weitergeleitet und Informationen verarbeitet werden.

Bild 2: Schematische Darstellung der Phospholipid-Doppelschicht der Zellmembran.
Phospholipide bestehen aus einem hydrophilen Kopf und zwei hydrophoben Fettsäureschwänzen. In wässriger Umgebung ordnen sie sich zu einer Doppelschicht an, die das Zellinnere vom Extrazellulärraum abgrenzt und die Grundlage für Membranfluidität, Signalübertragung und Stofftransport bildet.
Wir unterscheiden dabei Phosphatidylserin, welches speziell für die Nervenzellmembran benötigt wird von Phosphatidylcholin in den Membranen der anderen Zellen. Bei Mangelzuständen dieser Stoffe sind die Zellmembranen nicht mehr so beweglich und Stoffwechselvorgänge verlangsamen sich. Phosphatidylcholin ist ein Hauptbestandteil der Zellmembran und zugleich eine wichtige Cholinquelle. Cholin wird für die Bildung von Acetylcholin benötigt, einem Neurotransmitter, der wesentlich ist für:
- Aufmerksamkeit, Gedächtnis, und geistige Leistungsfähigkeit.
Eine ausreichende Versorgung unterstützt sowohl die strukturellen Eigenschaften der Zellen als auch ihre kommunikative Effizienz der Nervenzellen über die Bildung von Acetylcholin.
Phosphatidylserin kommt besonders häufig in neuronalen Membranen vor. Es beeinflusst:
- die Signalübertragung zwischen Nervenzellen,
- die Aktivität stressassoziierter Hormonsysteme,
- kognitive Funktionen und emotionale Regulation.
Gerade bei stressbedingter Erschöpfung wird Phosphatidylserin eine unterstützende Rolle bei der Stabilisierung der Stressantwort zugeschrieben.
Phospholipide finden sich in Lebensmitteln wie Eiern, Soja und Sonnenblumenprodukten. Gleichzeitig liefern die auch Phosphor für die Energiesynthese der Mitochondrien (ATP). Phosphormangelzustände stelle ich relativ häufig in der Praxis fest, man muss nur danach suchen.
Galaktose: Gleichmäßige Energie für Nervenzellen
Galaktose ist ein Einfachzucker, der im Körper langsam in Glukose umgewandelt wird. Im Vergleich
zu schnell verfügbaren Zuckern führt sie zu:
- einer gleichmäßigeren Energieversorgung,
- geringeren Blutzuckerschwankungen.
Entscheidend ist dabei, dass der Transport durch die Zellmembran insulinunabhängig erfolgt, über einen eigenen Transportmechanismus in der Zellwand. Dadurch gelangt auch bei Störungen des Stoffwechsels Zucker in die Zellen und kann zur Energiegewinnung, Zellregeneration etc. genutzt werden. Da Nervenzellen kontinuierlich Energie benötigen, kann eine stabile Substratversorgung helfen, mentale Leistungseinbrüche und Konzentrationsschwankungen zu vermeiden. Eine Kombination mit Vitamin B5 ist dabei zu empfehlen.
Fazit: Psychische Erkrankungen als zelluläres Ungleichgewicht sind nicht selten!
Erschöpfung und psychische Erkrankungen lassen sich nicht allein durch psychologische Faktoren erklären. Häufig liegen Störungen des Zellstoffwechsels zugrunde, die Energieproduktion, Eiweißsynthese und neuronale Kommunikation beeinträchtigen. Mangan, Phosphatidylcholin, Phosphatidylserin, Galaktose sowie Pantothensäure leisten hierbei wesentliche Beiträge zur zellulären Stabilität und Funktion. B-Vitamine – insbesondere B6, B9 und B12 – unterstützen die Eiweißsynthese und damit die Nervenbotenstoffproduktion als Grundlage neuronaler Leistungsfähigkeit. Ein ganzheitlicher medizinischer Ansatz berücksichtigt daher nicht nur psychosoziale Aspekte, sondern auch die biochemischen Voraussetzungen gesunder Gehirnfunktion.
Frank Ingwersen
Weiterführende Informationen und Empfehlungen
Erfahren Sie mehr über Dr. med. Frank Ingwersen: Dr. Frank Ingwersen – Naturmedizin – AMM-Netzwerkpartner
Dr. Frank Ingwersen setzt sich in dem Unternehmen Weten Vitalstoffe – Vitalstoffprodukte – AMM-Marktplatzpartner für hochqualitative Produkte ein – ganz nach dem nordfrisieschem Motto: „Rüm Hart, klar Kimming“ (starkes Herz, klarer Verstand)
Video-Empfehlung:
Warum Vitamin D 3 wichtig für die psychische Gesundheit ist - Teil 1 - Vortrag von Prof. Jörg Spitz
Produktempfehlungen:
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