„Die wichtigste Beziehung, die wir je haben werden, ist die zu uns selbst. Wenn diese Beziehung geheilt ist, verändert sich alles andere.“
— Dr. Laurence Heller, Begründer von NARM

In unserem Leben begegnen wir immer wieder Menschen, bei denen wir innerlich aufatmen: Wir fühlen uns gesehen, sicher und dürfen ganz wir selbst sein. Das kann ein enger Freund oder eine Partnerin sein, aber auch eine scheinbar zufällige Begegnung. Genauso kennen wir jedoch auch das Gegenteil: Begegnungen, die uns verunsichern, in denen wir uns zurückziehen möchten oder sogar den Impuls verspüren, zu fliehen.

Doch was genau bewirkt diese Unterschiede in unseren Beziehungserfahrungen? Warum fühlen wir uns bei manchen Menschen sicher und geborgen – bei anderen hingegen angespannt oder bedroht?

Kurz zusammengefasst

Was bestimmt, ob uns Beziehungen guttun oder belasten?
Ein wesentlicher Schlüssel liegt im autonomen Nervensystem: Es bewertet soziale Situationen blitzschnell auf sicher/bedrohlich – geprägt durch frühe Erfahrungen und Schutzprogramme.
Wie prägen Bindungsmuster unser späteres Beziehungsverhalten?
Die von Bowlby/Ainsworth beschriebenen Bindungstypen (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert) zeigen typische Muster von Nähe, Distanz und Regulierung im Erwachsenenalter.
Welche Rolle spielt die Polyvagaltheorie in Beziehungen?
Sie beschreibt drei Zustände (ventral-vagal, sympathisch, dorsal-vagal), die Verbindung, Kampf/Flucht oder Rückzug erklären – und damit typische Reaktionen in Partnerschaft und Freundschaft.
Wie unterstützt NARM bei der Transformation alter Muster?
NARM arbeitet mit fünf Kernbedürfnissen (Kontakt, Einstimmung, Vertrauen, Autonomie, Liebe & Sexualität), um Schutzstrategien zu verstehen und Selbst- sowie Beziehungsfähigkeit reifen zu lassen.

Beziehung und das Nervensystem – eine körperlich-emotionale Dynamik

Ein Schlüssel hierzu liegt in unserem autonomen Nervensystem – dem Teil unseres Körpers, der jenseits unseres bewussten Willens funktioniert. In zwischenmenschlichen Begegnungen registriert es blitzschnell, ob eine Situation sicher, gefährlich oder überfordernd ist. Diese Einschätzung basiert auf früheren Erfahrungen, insbesondere aus unserer Kindheit, sowie auf unbewusst gespeicherten Schutzprogrammen.

So ist unser Erleben in Beziehungen keine rein rationale Entscheidung, sondern tief körperlich und emotional verankert. Die Integration von Kopf (Verstand) und Herz (Gefühl) ist daher ein zentraler Weg, um gesunde, tragfähige Beziehungen zu gestalten.

Bindungsmuster – Wie frühe Erfahrungen unser Beziehungsverhalten prägen

Die Bindungsforschung aus den 60er Jahren, insbesondere durch John Bowlby und Mary Ainsworth, hat vier grundlegende Bindungstypen identifiziert, die sich aus der Qualität der frühen Beziehung zur primären Bezugsperson entwickeln:

Tabelle 1: Grundlegende Bindungstypen aus der Bindungsforschung (Bowlby/Ainsworth)
Bindungstyp (Kindheit) Beziehungsverhalten (Erwachsenenalter)
Sichere Bindung Vertrauen, Nähe und Autonomie im Gleichgewicht
Unsicher-vermeidend Rückzug, Distanzierung, Überbetonung von Autonomie
Unsicher-ambivalent Verlustangst, emotionale Abhängigkeit, starker Wunsch nach Bestätigung
Desorganisiert Instabile Beziehungen, emotionale Überwältigung, starke Nähe-Distanz-Dynamiken

Frühkindliche Bindungserfahrungen prägen maßgeblich, wie sich unser Nervensystem heute in Beziehungen reguliert. Wiederkehrende Nähe-Distanz-Konflikte, Bindungsangst, emotionale Abhängigkeit oder sich wiederholende Beziehungsmuster haben hier oft ihren Ursprung.

Polyvagaltheorie – Wie unser Nervensystem Beziehungen beeinflusst

Die Polyvagaltheorie von Dr. Stephen Porges (aus den 90er Jahren) erklärt, wie unser autonomes Nervensystem auf soziale Reize reagiert. Je nachdem, ob wir uns sicher oder bedroht fühlen, wechseln wir zwischen drei Hauptzuständen:

Tabelle 2: Polyvagaltheorie: Drei Zustände je nach Gefühl von Sicherheit oder Bedrohung
Nervensystem-Zustand Erleben & Verhalten in Beziehungen
Ventral-vagaler Zustand Gefühl von Sicherheit, Verbindung, Präsenz – authentische Beziehung ist mögli
Sympathischer Zustand Kampf-/Fluchtmodus: Unruhe, Streitverhalten, Kontrollbedürfnis
Dorsal-vagaler Zustand Rückzug, Leere, emotionale Taubheit – Kontaktabbruch, Abschalten

Aus Sicht der Polyvagaltheorie steuert unser autonomes Nervensystem unser Überleben. Wenn unsere ersten Beziehungserfahrungen als abhängiger Säugling, Kleinkind und Kind eher einem emotionalen Überlebenskampf glichen, dann kommt es später in vielen Beziehungen zu Nähe-Distanz Thematiken, mit unterschiedlichsten Nuancen: Dann kann die Sehnsucht nach Nähe genauso groß sein, wie die Angst davor, einen Partner oder Freundschaften zu pflegen, in denen sich die ungesunden Beziehungsmuster wiederholen können auch Ausdruck davon sein. Auch Suchtverhalten und unbewusste Formen der Selbstsabotage können Menschen daran hindern, gesunde und erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten. Zur Auflösung dieses Dilemmas bieten die Erkenntnisse der Polyvagaltheorie eine fundierte neurobiologische Grundlage. Aufbauend darauf eröffnet das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM) nach Dr. Laurence Heller neue therapeutische Zugänge, um tief verwurzelte dysfunktionale Beziehungsmuster zu erkennen und nachhaltig zu transformieren.

NARM – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell nach Dr. Laurence Heller

Das NARM-Modell verbindet die Erkenntnisse aus Bindungs- und Entwicklungstraumaforschung mit einem körperorientierten psychotherapeutischen Ansatz. Im Zentrum stehen fünf zentrale Kernbedürfnisse, die für eine gesunde emotionale Entwicklung wesentlich sind:

Tabelle 3: NARM-Modell: Fünf Kernbedürfnisse für gesunde emotionale Entwicklung
Kernbedürfnis Typischer Schutzmechanismus / Glaubenssatz Mögliche Beziehungsthemen im Erwachsenenalter
1. Kontakt „Ich darf nicht sein.“ Gefühl von Isolation, Entfremdung, sich fehl am Platz fühlen
2. Einstimmung „Meine Bedürfnisse stören.“ Selbstverleugnung, Überanpassung, Unsicherheit im Umgang mit Nähe
3. Vertrauen „Ich muss alles selbst machen.“ Misstrauen, Kontrolle, Schwierigkeiten mit Delegation und Abhängigkeit
4. Autonomie „Ich darf nicht Nein sagen.“ Schuldgefühle, People-Pleasing, Schwierigkeiten mit Grenzen und Abgrenzung
5. Liebe & Sexualität „Ich bin falsch, wenn ich mich zeige.“ Ambivalenz in Intimität, Spannungen zwischen Nähe Wunsch und Rückzug

Im NARM geht es darum die Kernressourcen in der therapeutischen Begleitung nachreifen zu lassen, so dass die alten Schutzhüllen fallen können. Der therapeutische Prozess erfolgt behutsam, ressourcenorientiert und im eigenen Tempo – mit dem Ziel, mehr Kontakt zu sich selbst und zu anderen zu ermöglichen.

Fazit: Verbindung heilt

Aktuelle Erkenntnisse aus der Bindungsforschung, der Polyvagaltheorie sowie dem noch jungen Neuroaffektiven Beziehungsmodell (NARM) eröffnen neue, integrative Perspektiven für die Selbstreflexion in unseren Beziehungen – sowohl zu anderen als auch zu uns selbst. Alle drei Ansätze eint ein ressourcenorientierter Blick auf Entwicklung und Heilung: Sie laden dazu ein, Beziehung als einen lebendigen, gestaltbaren Prozess zu verstehen, der in jedem Lebensalter neu gelernt und erfahren werden kann.

Indem wir den Mut finden, auch alten emotionalen Schmerz anzuerkennen – insbesondere jenen, der in frühen Bindungserfahrungen entstanden ist – und verstehen, welche Überlebensstrategien uns damals geprägt haben, entsteht die Möglichkeit innerer Veränderung. Schritt für Schritt kann so eine heilsame Beziehung zu uns selbst wachsen – die Grundlage für alle weiteren Beziehungen.

In einer stabilen, mitfühlenden Verbindung mit uns selbst entwickeln wir die Fähigkeit, auch im Außen gesunde, nährende Beziehungen zu gestalten. Beziehungen, die uns stärken, unser Wohlbefinden fördern und letztlich sogar unsere psychische und physische Gesundheit positiv beeinflussen. Denn der Mensch ist – wie die Forschung bestätigt – ein zutiefst soziales Wesen, das in sicherer und authentischer Verbindung aufblüht.

Fazit: Verbindung heilt

Aktuelle Erkenntnisse aus der Bindungsforschung, der Polyvagaltheorie sowie dem noch jungen Neuroaffektiven Beziehungsmodell (NARM) eröffnen neue, integrative Perspektiven für die Selbstreflexion in unseren Beziehungen – sowohl zu anderen als auch zu uns selbst. Alle drei Ansätze eint ein ressourcenorientierter Blick auf Entwicklung und Heilung: Sie laden dazu ein, Beziehung als einen lebendigen, gestaltbaren Prozess zu verstehen, der in jedem Lebensalter neu gelernt und erfahren werden kann.

Indem wir den Mut finden, auch alten emotionalen Schmerz anzuerkennen – insbesondere jenen, der in frühen Bindungserfahrungen entstanden ist – und verstehen, welche Überlebensstrategien uns damals geprägt haben, entsteht die Möglichkeit innerer Veränderung. Schritt für Schritt kann so eine heilsame Beziehung zu uns selbst wachsen – die Grundlage für alle weiteren Beziehungen.

In einer stabilen, mitfühlenden Verbindung mit uns selbst entwickeln wir die Fähigkeit, auch im Außen gesunde, nährende Beziehungen zu gestalten. Beziehungen, die uns stärken, unser Wohlbefinden fördern und letztlich sogar unsere psychische und physische Gesundheit positiv beeinflussen. Denn der Mensch ist – wie die Forschung bestätigt – ein zutiefst soziales Wesen, das in sicherer und authentischer Verbindung aufblüht.

Literatur:

  • Stephen W. Porges – Die Polyvagal-Theorie, Neurophysiologische Grundlage der Therapie
  • Dr. Laurence Heller & Aline LaPierre – NARM: Das neuroaffektive Beziehungsmodell.
  • Dami Charf – Auch alte Wunden können heilen

Studien & wissenschaftliche Grundlagen:

  • Harvard Study of Adult Development (seit 1938) https://en.wikipedia.org/wiki/Grant_Study
    → Eine der längsten laufenden Studien zur menschlichen Entwicklung zeigt: Enge, vertrauensvolle Beziehungen sind der stärkste Prädiktor für Lebenszufriedenheit und Gesundheit – weit mehr als Reichtum oder beruflicher Erfolg.
  • Forschung von John Bowlby & Mary Ainsworth (Bindungstheorie)
    https://intrapsychisch.de/bindungstheorie-john-bowlby-und-mary-ainsworth/
  • Cacioppo & Patrick – Loneliness: Human Nature and the Need for Social Connection
    Zeigt, wie soziale Isolation nicht nur psychisch belastet, sondern auch die körperliche Gesundheit massiv beeinträchtigt – u.a. durch chronischen Stress und Entzündungen

Über die Autorin

Dr. med. Heinz Lüscher

Claudia Dippel ist seit über 14 Jahren als Heilpraktikerin und Referentin in den Bereichen Gesundheitsberatung, Prävention und Wohlbefinden tätig. Mit einem Hintergrund als Chemielaborantin und Diplom‑Sozialarbeiterin bringt sie zudem langjährige pädagogische sowie sozialarbeiterische Erfahrung ein. Ihre Arbeit verbindet fundiertes Natur‑ und Pflanzenheilwissen mit Erkenntnissen aus Polyvagaltheorie, Zell‑Biochemie, Darm‑ und Hormongesundheit – und unterstützt Menschen in Kursen, Workshops und Einzelberatung auf dem Weg zu mehr Balance und Lebendigkeit.

AMM-Empfehlungen

Buchempfehlung:

Die Polyvagal-Theorie
von Stephen W. Porges, Theo Kierdorf (Übersetzer)
Erscheinungsjahr: 2010

Digitalproduktempfehlung:

Spitzen-Paket menschliche Medizin ​Mentale Gesundheit
Schwerpunkt: Burnout & Depression

Beitragsbild von Axel_Kock/Shutterstock.com