Es heißt oft: Kinder wachsen von allein. Und ja – sie werden größer, sie kommen irgendwie durch den Alltag, sie funktionieren. Doch immer häufiger zeigt sich: Gesund groß werden ist etwas anderes. Übergewicht, Konzentrationsprobleme, instabile Knochen, auffällige Verhaltensmuster oder chronische Beschwerden tauchen heute bereits im Kindesalter auf. Nicht vereinzelt, sondern systematisch.

Im Spitzengespräch mit Corinna van der Eerden, Ernährungsberaterin und Functional Medicine Coach, wird deutlich: Das ist kein individuelles Versagen von Eltern. Es ist das Ergebnis einer Umwelt, die sich in wenigen Jahrzehnten radikal verändert hat – schneller, als sich unser Körper anpassen kann.

Kurz zusammengefasst

Warum wachsen Kinder zwar körperlich, sind aber immer seltener gesund?
Weil Wachstum allein keine stabile körperliche und geistige Entwicklung garantiert.
Welche Rolle spielt Ernährung für Verhalten und Konzentration?
Ernährung beeinflusst Gehirnstoffwechsel, Energieverfügbarkeit und emotionale Stabilität.
Warum beginnen viele Gesundheitsprobleme bereits vor der Geburt?
Weil Schwangerschaft, Mikronährstoffversorgung und Entzündungen den Stoffwechsel langfristig prägen.
Ist Kinderernährung eine private oder gesellschaftliche Aufgabe?
Sie ist eine gemeinsame Verantwortung von Eltern, Bildungseinrichtungen und Politik.

Wachsen reicht nicht – es geht um Strukturen

Ein Kind überlebt. Das ist biologisch vorgesehen. Doch die Natur garantiert nicht, dass ein Organismus stabil, belastbar und gesund ist. Dafür braucht es Bedingungen. Ähnlich wie bei einer Pflanze: Sie wächst auch im Halbschatten und mit wenig Wasser – aber sie gedeiht nicht.

Genau das beobachten wir heute bei vielen Kindern. Sie wachsen, aber ihre Strukturen halten dem Alltag immer schlechter stand. Das zeigt sich nicht nur abstrakt in Statistiken, sondern ganz konkret im Schulalltag: mehr Übergewicht, weniger Beweglichkeit, Unsicherheit bei einfachen motorischen Abläufen. Selbst kurze Sprünge oder Belastungen führen plötzlich zu schweren Verletzungen – ein deutliches Zeichen dafür, dass Knochen, Muskeln und Koordination nicht mehr zur Belastung passen.

Die Ursachen beginnen früh – oft schon vor der Geburt

In der Wissenschaft wird immer klarer: Viele chronische Erkrankungen entstehen nicht erst im Erwachsenenalter, sondern ihre Grundlagen werden bereits in der Schwangerschaft gelegt. Ernährung, Mikronährstoffversorgung, Entzündungen und hormonelle Signale der Mutter prägen den Stoffwechsel des Kindes langfristig.

Doch selbst nach der Geburt setzt sich das Problem fort. Kinder wachsen heute in einer Umgebung auf, die wenig von dem bietet, was biologische Entwicklung eigentlich braucht: regelmäßige Bewegung, Sonnenlicht, frische Nahrung, echte Pausen. Stattdessen dominieren Konserven, hochverarbeitete Lebensmittel, Dauerverfügbarkeit von Zucker und eine massive Zunahme von Bildschirmzeit.

Ernährung wirkt – immer

Ein zentraler Punkt des Gesprächs: Ernährung ist kein Nebenthema. Sie wirkt immer. Auf den Körper, auf das Gehirn, auf das Verhalten. Die Frage ist nur, ob wir diese Wirkung verstehen – oder ignorieren.

Viele Kinder essen heute so, dass ihr Gehirn ständig auf schnelle Energie aus Zucker angewiesen ist. Das führt zu dauerhaft erhöhten Insulinspiegeln. Die Folge: Das Gehirn verliert die Fähigkeit, flexibel zwischen Energiequellen zu wechseln. In Essenspausen fällt es in ein Energietief, Konzentration wird unmöglich. Gleichzeitig sorgt der permanente Zuckerstimulus für Übererregbarkeit. Beides zusammen wird dann als „Unruhe“, „Konzentrationsstörung“ oder sogar ADHS wahrgenommen.

Hinzu kommen individuelle Faktoren. Manche Kinder reagieren sensibel auf Histamin, andere auf bestimmte Zusatzstoffe oder Farbstoffe. Im Gespräch wird ein eindrückliches Beispiel geschildert: Ein Kind, emotional extrem labil und weinerlich, verändert sich vollständig, nachdem künstliche Farbstoffe aus der Ernährung gestrichen werden. Kein Medikament, keine Therapie – nur eine bewusste Veränderung der Ernährung.

Das Entscheidende: Das Kind lernt selbst, den Zusammenhang zwischen Essen und Befinden zu erkennen. Genau hier beginnt Gesundheitskompetenz.

Kinderernährung ist keine Privatsache

So wichtig das Engagement der Eltern ist – es reicht nicht aus, alles auf individuelle Verantwortung abzuwälzen. Kinder verbringen einen Großteil ihres Tages in Schule, Kita und öffentlichem Raum. Dort wird entschieden, wie viel Bewegung stattfindet, ob Ernährung thematisiert wird und welche Produkte frei verfügbar sind.

Niemand würde ernsthaft diskutieren, ob Alkohol oder Zigaretten für Kinder problematisch sind. Bei Energy-Drinks, stark gezuckerten Getränken oder exzessivem Medienkonsum geschieht genau das – obwohl die negativen Effekte längst bekannt sind. Corinna van der Eerden macht klar: Das ist eine gesellschaftliche und politische Aufgabe. Eltern dürfen mit dieser Verantwortung nicht allein gelassen werden.

Ein einfacher, praktikabler Ernährungsrahmen

Gesunde Ernährung muss nicht kompliziert sein. Sie muss aber wieder auf echte Lebensmittel zurückgeführt werden. Der Kern ist einfach:

Kinder brauchen regelmäßig Gemüse, eine ausreichende Eiweißversorgung und gesunde Fette. Wenn diese Basis stimmt, ist es kein Problem, wenn danach auch einmal etwas Süßes kommt. Entscheidend ist die Reihenfolge und die Grundlage – nicht Perfektion.

Besonders kritisch sind stark verarbeitete Fette, sogenannte Transfette. Sie kommen in der Natur nicht vor, entstehen industriell und verändern die Flexibilität unserer Zellmembranen. Demgegenüber stehen natürliche Fette wie Butter, Ghee oder Olivenöl, die nicht nur Energie liefern, sondern auch wichtige Begleitstoffe enthalten.

Supplemente: kein Dogma, sondern Pragmatismus

Die Frage, ob Kinder Supplemente brauchen, wird oft ideologisch geführt. Die Realität ist nüchterner. Wachstum, Regeneration und Entwicklung benötigen Eiweiß, Fette und Mikronährstoffe. In einer idealen Welt käme alles aus der Nahrung. In der heutigen Welt ist das häufig nicht der Fall.

Vitamin D ist dafür ein gutes Beispiel. Die Datenlage zeigt seit Jahren: Der überwiegende Teil der Kinder lebt mit einem Mangel. Gleichzeitig schützen wir sie – zu Recht – vor intensiver Sonne. Die logische Konsequenz wäre eine gezielte Supplementierung. Doch häufig entscheidet stattdessen die Frage, ob etwas von der Krankenkasse bezahlt wird – nicht, ob es physiologisch sinnvoll ist.

Der Ansatz von Corinna van der Eerden ist pragmatisch: Die zweitbeste Lösung, die funktioniert, ist besser als die perfekte Lösung, die im Alltag scheitert.

Gesundheit beginnt mit Verstehen

Functional Medicine bedeutet nicht, jedem ein starres Konzept überzustülpen. Es bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Und was steht mir im Weg? Erst dann lassen sich sinnvolle Schritte ableiten – individuell, alltagstauglich und nachhaltig.

Genau das ist auch der Kern einer Neuen Gesundheitskultur. Weg von Symptombekämpfung und Verboten. Hin zu Verständnis, Eigenverantwortung und bewussten Entscheidungen. Nicht nur für Erwachsene – sondern vor allem für unsere Kinder.

Denn sie wachsen. Die Frage ist nur: Wachsen sie gesund?