Dr. Maria Wolke
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Am 29. und 30. Mai 2021 ist es soweit: Wir laden Sie auch in diesem Jahr zum zweitägigen Kongress für menschliche Medizin ein. Passend zur aktuellen Situation haben wir uns entschieden, auf dem Kongress Behandlungs- und Präventionsfragen zu neuroinflammatorischen Erkrankungen in den Mittelpunkt zu rücken. Denn gerade Burnout, Depression und weitere psychische Leiden nehmen in jüngster Zeit massiv zu und betreffen immer weitere Teile der Gesellschaft.

Insgesamt 12 Referentinnen und Referenten warten auf dem Online-Kongress auf Sie, für den Sie jetzt noch für nur 49,00 Euro hier ein Ticket buchen können.

Als kleinen Vorgeschmack präsentieren wir im Folgenden einen Text von Dr. Maria Wolke, die ebenfalls auf dem Kongress für menschliche Medizin 2021 als fachlich versierte Referentin auf Sie wartet.

Dr. Maria Wolke ist Sportwissenschaftlerin und promovierte Psychologin. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Heilkraft des Yogas, insbesondere in Bezug auf Depressionen. Dadurch werden äußerst spannende Zusammenhänge zwischen physischen Interventionen und psychischer Gesundheit sichtbar, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.


Depressionen – die Zivilisationserkrankung Nr. 1

Depressionen sind in der Gesellschaft weit verbreitet. In Deutschland leiden ca. 18 Prozent der Bevölkerung lebenslang unter der Störung (4). Weltweit sind ca. 340 Millionen Menschen betroffen (5). Neben Herz-Kreislauferkrankungen zählen Depressionen zu den am häufigsten anzutreffenden Zivilisationserkrankungen der heutigen Zeit (6). Lange Krankheitszeiten und die schwer zu ertragenden Symptome haben weitreichende soziale und sozioökonomische Folgen (7), die das Leben mit Depressionen noch zusätzlich erschweren.

Gängige Behandlung

Innerhalb der vergangenen Jahre wurde die Behandlung depressiver Erkrankungen aus unterschiedlichen professionellen Blickwinkeln diskutiert. Psychotherapie allein scheint die weitreichenden Symptome und Begleiterscheinungen nicht vollständig zu lindern (2). Und auch Psychotherapie, die eine medikamentöse Behandlung mit einbezieht, bringt nicht die erwünschte Besserung (8). Eine mögliche Ursache ist das nicht ausreichende Miteinbeziehen des Körpers in den Psychotherapieprozess. Dabei verändern Depressionen erwiesenermaßen physiologische Regelkreise zwischen Körper und Gehirn und beeinflussen so den Verlauf und die Ausprägung der Erkrankung. Die hohen Rückfallquoten und das Auftreten weiterer depressiver Episoden nach abgeschlossener Psychotherapie sind die Folge (8). Eine vollständige Erholung setzt demnach eine therapeutische Intervention voraus, die durch interozeptive Einbeziehung des Körpers (Wahrnehmung des eigenen Körpers) die Neurozeption fördert und hilft, den körperlichen Ausdruck der Depressionen zu lindern (9). Neurozeption beschreibt die Wahrnehmung unbewusster Signale und Informationen aus dem Körper, die Bottom-up (aus dem Körper nach oben) aufsteigen und im optimalen Fall „Top-down“ (durch das Bewusstsein) runterreguliert werden (9, 34).

Depressionen im Körper – Yoga als Chance

Eine Möglichkeit, umfassend depressive Symptome und ihr Äquivalent im Körper unterstützend zu behandeln, bietet Yoga. Als holistisches System bestehend aus Meditation (achtsame Fokussierung), Pranayama (Atemsteuerung) und Asana (körperliche Ausrichtung) kann Yoga bei Depressionen durch die Einbeziehung des Körpers genau die Unterstützung leisten, die ein depressiver Organismus benötigt (2, 10).

Yoga zählt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur komplementären und alternativen Medizin (11). Als Wissenschaft des Geistes und ein Instrument zur Geistesschulung gilt es in seinem Ursprungsland Indien jeher als Medizin. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte rückten auch in der westlichen Welt die gesundheitsfördernden Aspekte hinter der Praxis immer mehr in den Fokus der Forschung. Insbesondere der Wirkmechanismus hinter der antiken Praxis interessiert die Wissenschaftler. Unterschiedliche Studien konnten nachweisen: Yoga reguliert die Funktionen des autonomen Nervensystems (ANS). Eine Funktionsstörung des ANS ist für Entstehung und Fortbestehen von Depression mitverantwortlich (2, 12). Die Yogapraxis hat ferner weitreichende endokrine Effekte und modifiziert die Ausschüttung und die Konzentration diverser Neurotransmitter und Hormone, die bei Depressionen nicht genügend, oder im Überschuss vorhanden sind. Das Zusammenbringen von Körper, Bewusstsein und Verhalten im Yoga scheint die Ausprägung der Depression positiv zu beeinflussen und die allgemeine Anpassungsfähigkeit des Organismus an die Anforderungen aus der Umwelt (Resilienz) zu verbessern (13, 10). Der Effekt ist dabei umso größer je mehr nach innen gewandt (interozeptiver) die Praxis stattfindet (5). Die Wirkung ist unmittelbar nach der Praxis (14, 15) als auch langfristig nachweisbar (12).

Die interozeptive Einbeziehung des Körpers - Schutzfaktor bei Depressionen

Wissenschaftler weisen ferner darauf hin, dass Yoga offensichtlich als Schutzfaktor bei Depressionen betrachtet werden kann.  Das regelmäßige Praktizieren scheint neuen depressiven Episoden vorzubeugen und ihre Anzahl zu senken (14). Eine Meta-Analyse, die 12 randomisierte, kontrollierte Studien zu Yoga bei klinischer Depression einbezieht, untermauert die mittlerweile gut erforschte Yogawirkung: Yoga verringert signifikant depressive Symptome. Verglichen mit konventionellen Behandlungsmethoden, wie Psychotherapie und/oder medikamentöse Behandlung, Entspannungsübungen oder aerobes Training scheinen die positiven Effekte des Yoga zu überwiegen (15). Als ursächlich gilt: Yoga greift nicht nur aktiv in das Nervensystem (NS) ein, sondern aktiviert unterschiedliche neuronale Netzwerke und verbessert so die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn (2, 10, 16). Eine umfassende Besserung psychischer, physischer und behavioraler Symptome wird möglich.

Yoga greift aktiv in das Nervensystem ein

Das Nervensystem gliedert sich anatomisch und funktional in das zentrale Nervensyystem (ZNS), welches aus Gehirn und Rückenmark besteht, das autonome Nervensystem (ANS), welches aus dem parasympathischen (hemmend/beruhigend) und dem sympathischen Zweig (aktivierend/ anstachelnd) besteht und dem enterischen/visceralen Nervensystem (umgangssprachlich auch Bauchhirn genannt), welches die Eingeweide kontrolliert und Informationen aus dem Körperinneren an das Gehirn leitet. Porges (10, 17) ergänzt die Einteilung des Nervensystems zusätzlich in die Unterteilung des parasympathischen Zweig des VNS in 2 Fortsätze des Nervus Vagus, die dem Hirnstamm entspringen und unterschiedlichen Funktionen nachgehen: dem Ventralen Vagus Komplex (VVK) und dem Dorsalen Vagus Komplex (DVK). Der Ventrale Vagus (VVK) steht mit der Aktivierung der Wahrnehmung und der Denkfähigkeit, aber auch mit Sicherheit/Kommunikation und prosozialem Verhalten in Verbindung. Der Dorsale Vagus Komplex (DVK) ist den Forschern schon länger bekannt. Seine Aktivierung reduziert schlagartig die Herzfrequenz, fährt das Körpersystem runter und gilt als „Organbremse“ (2). Diese drei neuronalen Schaltkreise des ANS, steuern die psychophysiologische und physiopsychologische Aktivität im Körper und im Gehirn. Jedes dieser Systeme hat dabei seine ganz spezifische Anknüpfung an das Gehirn und wirkt auf eine ganz spezielle Weise auf den Körper ein. Befinden sich diese neuronalen Plattformen im Gleichgewicht, bleibt der Organismus gesund. Gerät die Homöostase dieses sensiblen Milieus durcheinander, entstehen psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen (18, 10, 19). Psychische und körperliche Gesundheit ist folglich eng an die Funktionen des Nervensystems gekoppelt.

In diesem Zusammenhang bekommt Yoga eine besondere Bedeutung. Es greift aktiv über den Körper in die Funktion und Interaktion von Sympathikus, VVK und DVK ein. Es sorgt dafür, dass der Ventrale Vagus die Oberhand behält und der Organismus anpassungsfähig bleibt.

Je nach Praxis (hier Asana oder Pranayama) nutzt Yoga unterschiedliche Zugänge zum Körpersystem und scheint insbesondere dort zu wirken, wo Stress die körperinterne Homöostase stört.

Stress – die Krankheitsursache Nr. 1

Stress ist die Ursache Nr. 1, wenn das Körpersystem aus der Homöostase gerät. Stresshormone wie Kortisol werden vermehrt ausgeschüttet und das Zusammenspiel zwischen VVK, SN und DVK gerät durcheinander. Der SN gewinnt die Oberhand und beeinflusst negativ die physiologische, psychologische und behaviorale Antwort auf Reize. Das gilt sowohl für lang andauernden Stress als auch für kurze aber außerordentlich intensive Stressmomente. Beide Formen beeinträchtigen den Organismus kurz- und langfristig und bedingen unterschiedliche körperliche und psychische Störungen (2). Die Stressphänomene, denen der Mensch von heute ausgesetzt ist, sind vielfältig. Die Corona-Pandemie verändert die Arbeitssituation, erschwert durch Einschränkungen das Familien- und Privatleben sowie Freizeitaktivitäten, und minimiert ferner alle sozialen Formen des Beieinanderseins. Die Welt vereinsamt und hat Angst. Schwierige Zeiten wie diese belasten den Menschen und erhöhen zusätzlich die Dysbalance im System und die subjektive Empfindung von Stress (22, 23).  Finden Betroffene keinen Weg sich selbst herunterzuregulieren, sind körperliche und psychische Erkrankungen eine mögliche Folge.

Signifikante Stressreduktion durch Yoga

Zahlreiche wissenschaftliche Studien beweisen: Yoga beeinflusst die körperliche Reaktion auf Stress und somit auch seine Folgen auf die körperliche und psychische Gesundheit (10, 21, 22). Das geschieht im Yoga vor allem durch die Entscheidung bzw. die Intention zur Übung, die Ausrichtung der Aufmerksamkeit – den Fokus auf die Übungsausführung und die Interozeption, sprich das bewusste Wahrnehmen aller körperlichen Regungen während der Praxis (10, 24). Die Intention zur Übung, die Ausrichtung der Aufmerksamkeit und die Interozeption werden durch den Präfrontalen Kortex (PFK) reguliert. Der mit dem VVK assoziierte PFK ist in der Lage, niedere Hirnbereiche zu beruhigen. Der bewusste, kontrollierte und intentionale Einsatz des Körpers im Yoga fördert folglich durch die Aktivierung des Ventralen Vagusnerv, die Hemmung des Sympathikus und die körperliche Erholung. Das Gefühl der Überforderung kann einem inneren Empfinden von Sicherheit weichen (10, 17).

Fazit

Die Einbeziehung des Körpers, zum Beispiel im Yoga, gilt neueren Untersuchungen zur Folge bei stressbedingten Erkrankungen wie den Depressionen als grundlegend: Die als Folge der Immobilisation kurzfristig unterbrochene Informationsverarbeitung hinterlässt physiologische Spuren und kann durch reine Gesprächspsychotherapie nicht ausreichend wiederhergestellt werden (10, 2). Yoga-basierte Praktiken scheinen deshalb eine adäquate komplementäre Intervention bei der Behandlung depressiver Erkrankungen zu bieten: Menschen, die Yoga praktizieren, scheinen nach bereits einer Übungseinheit positive emotionale, psychologische, behaviorale und biologische Veränderungen aufzuzeigen (33).

Dieser Text ist eine gekürzte Variante. Die vollständige Abhandlung inklusive aller Quellenangaben finden Sie hier: Yoga und Atmung – Hilfe zur Selbsthilfe bei Depressionen [PDF]


Weitere spannende Themenfelder erwarten Sie auf dem diesjährigen Kongress für menschliche Medizin am 29. und 30. Mai 2021. In einer kurzen Videobotschaft lädt Prof. Dr. med. Jörg Spitz Sie noch einmal persönlich zu unserem Online-Event ein. Für 49,00 Euro können Sie sich jetzt noch Ihre Teilnahme sichern:

Beitragsbild: geralt auf Pixabay.