Der Zuckerrausch – Ursachen und Entkommen

Anno Jordan

Anno Jordan

Studium der Kernphysik Universität Köln, langjährige und heute andauernde Tätigkeit in IT- und Maschinenbauunternehmen. Projektmanagement der Initiative Life-SMS seit 2013. Publikationen und Beratung zu Präventionsaspekten und Lebensstileinflüssen bei Autoimmunerkrankungen (u.a. auch der MS). Die Arbeit schließt den systemischen Blick auf das Immunsystem als nichtlineares komplexes adaptives System mit ein und greift auf Ansätze aus der Physik zurück.
Anno Jordan

In Tierversuchen wurde festgestellt, dass Zucker weitaus mehr Symptome hervorruft, als nötig sind, um als Suchtmittel angesehen zu werden. Die Tierdaten zeigen signifikante Übereinstimmungen zwischen dem Verzehr von Nahrungsmitteln zugesetztem Zucker und drogenähnlichen Effekten, einschließlich exzessivem Genuss, Verlangen, Senkung von Toleranzschwellen, Abhängigkeit und Opioidwirkung. Zuckersucht scheint auf der Abhängigkeit von natürlichen endogenen Opioiden zu beruhen, die bei der Aufnahme von Zucker freigesetzt werden. Sowohl bei Tieren als auch beim Menschen zeigen die Hinweise in der Literatur erhebliche Parallelen und Überschneidungen zwischen Drogenmissbrauch und Zucker, sowohl aus der Sicht der Neurochemie als auch der Verhaltensanalyse.

Ein im letzten Jahr im British Journal of Sports Medicine veröffentlichter Artikel untersuchte das Potenzial von Zucker, eine gefährliche und süchtig machende Droge zu sein. Es zeigten sich einige überraschende Ähnlichkeiten zwischen Zucker und harten Drogen!

"Man konsumiert ständig Zucker, um seinen Dopaminspiegel zu erhöhen und sich gut zu fühlen. Wenn dann kein Zucker gegessen wird stürzt man regelrecht ab, ein Teufelskreis entsteht”,

sagt einer der Autoren, Dr. James DiNicolantonio, ein Herz-Kreislauf-Forscher vom “Saint Luke's Mid America Heart Institute” in Kansas, USA, und weist darauf hin, dass selbst die Form der Zuckerverarbeitung der bei anderen Drogen ähnelt.

"Er wird auf die gleiche Weise verarbeitet wie Kokain und Heroin aus den Koka- und Mohnpflanzen", sagte DiNicolantonio. "Man nimmt das Zuckerrohr, kocht es ein, entfernt alle Nährstoffe und verfeinert es zu einer reinweißen, kristallinen Substanz."

Köstliches Essen in jeder Form stimuliert das Vergnügenszentrum und belohnt das Gehirn mit entsprechenden chemischen Botenstoffen, aber die Wirkung von konzentriertem Zucker ist einzigartig intensiv. Fragen Sie doch einmal die  Naschkatzen in ihrer Umgebung: Nichts bringt mehr Freude als Zucker!

Ein ähnlicher Achterbahneffekt findet im Blutkreislauf statt. Ein starker Zuckeranstieg steigert den Blutzuckerspiegel, der später abstürzt, sobald der Körper das Stück Kuchen, das Eis oder die Limo verarbeitet hat und den Körper hungrig nach mehr Zucker macht, um eine Stabilisierung zu erreichen.

Die Extraportion Zucker bewirkt, dass das Insulin ebenfalls massiv ansteigt. Im Laufe der Zeit können diese Insulinspitzen zu Insulinresistenz, Leberproblemen und schließlich zu Typ-2-Diabetes führen.

Pures Vergnügen, versteckte Gefahr, warum wird das Thema bisher marginalisiert?

Wenn also Zucker wirklich gefährlich ist, warum treten dann erst jetzt die Gefahren ans Tageslicht und warum bleibt der wissenschaftliche Konsens schwer fassbar?

Ein Grund dafür ist, dass kritische Informationen jahrzehntelang bewusst vergraben waren. Die Novemberausgabe 2016 von JAMA berichtete, dass Forscher bereits in den 1950er Jahren verstanden haben, dass Zucker zu einer koronaren Herzkrankheit führen kann. Um schlechte Presse zu vermeiden, sponserte die Zuckerindustrie ein Harvard-Forschungsprogramm, das erfolgreich die Gefahren von Zucker in Frage stellt und gleichzeitig Fett als Krankheitsursache herausgestellt und verteufelt. “Fake science” wie wir heute wissen!

Weitere Verwirrung entsteht durch die unterschiedlichen Bezeichnungen von konzentrierten Zuckern, wie z.B. eingedampfter Zuckerrohrsaft oder Zuckerrohrkristalle, die auf eine gesündere Form hindeuten. Es gibt auch den süßeren, auf Mais basierenden Verwandten mit hohem Fruchtzuckergehalt - High Fructose Corn Sirup (HFCS) - ein Produkt, das einst als gesündere Alternative zu Zucker beworben wurde. Wissenschaftler haben inzwischen herausgefunden, dass HFCS mehr Entzündungen verursacht und mehr Fettleberkrankheiten und Insulinresistenz fördert als Tafelzucker.

Clean werden, aber wie?

Wenn konzentrierter Zucker eine gefährliche Sucht ist, stellt die Suchtentwöhnung eine einzigartige Herausforderung dar. Im Gegensatz zu anderen Drogen ist Zucker billig, sozialverträglich und schwer zu vermeiden.

Wie andere Süchte spielt auch die Psychologie eine große Rolle bei der Entwöhnung von Zucker, da die Menschen oft nach Süßigkeiten greifen, um eine emotionale Leere zu füllen. Dies geschieht auch dann, wenn die Betroffenen eigentlich wissen, wie schädlich übermäßiger Zuckergenuss sein kann.

Der kalte Entzug (cold turkey) ist wahrscheinlich nur für psychisch stabile Personen wirklich umsetzbar. Ein Ausweg ist körperliches Training, das  Betroffenen Energie und ein Endorphinhoch gibt und einige der Empfindungen ersetzt, die sie vorher über den Zucker suchten. Es macht auch den Körper wieder empfänglicher für Insulin, was wiederum hilft, einige der hormonellen Störungen, die durch Zucker verursacht werden, rückgängig zu machen.

Ein wichtiger weiterer Punkt ist der Verzicht auf industriell hergestellte Lebensmittel, die hohe Zucker- oder HFCS-Bestandteile enthalten. Selber kochen und das Verwenden von Zuckern oder Zuckeralternativen, die den Insulinspiegel wenig oder gar nicht erhöhen, ist hier die Devise. Beispiele sind Isomaltulose oder Erythriol und auch Stevia.

Fazit:

Zuckersucht ist ein ernstzunehmendes Problem. Der Ausstieg aus dieser Sucht kann über ein anderes Einkaufs-, Koch- und Essverhalten sowie vor allem auch körperliches Training erreicht werden.

Es bleibt zu hoffen, dass aufgrund der zunehmenden Berichte über die Gefahren unseres exzessiven Zuckerkonsums, hochkonzentrierte Zuckerprodukte das gleiche Schicksal erleiden, wie in den letzten Jahren die Produkte der Tabakindustrie.

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Quellen:

DiNicolantonio JJ, O'Keefe JH, Wilson WL; Sugar addiction: is it real? A narrative review, Br J Sports Med Published Online First: 23 August 2017. doi: 10.1136/bjsports-2017-097971

Kearns CE, Schmidt LA, Glantz SA. Sugar Industry and Coronary Heart Disease ResearchA Historical Analysis of Internal Industry Documents. JAMA Intern Med. 2016;176(11):1680–1685. doi:10.1001/jamainternmed.2016.5394


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