Dr. Julia Specks
Rheuma führt für viele Menschen zu chronischen Schmerzen

Inhaltsverzeichnis

Rheumatoide Arthritis, systemischer Lupus erythematodes, Fibromyalgie, Arthrose oder Gicht. Insgesamt fallen über 100 Diagnosen in die Kategorie des rheumatischen Formenkreises. 25 % der deutschen Bevölkerung sind von Rheuma betroffen. Keineswegs nur ältere Personen. Der Körper ist chronisch entzündet, zu den typischen Beschwerden gehören Schmerzen, Schwellungen und starke Erschöpfung. Die Lebensqualität wird durch Rheuma oft erheblich eingeschränkt. Die Erkrankungsursachen scheinen dabei von einer komplexen Kombination verschiedener Umstände abzuhängen. Dazu zählen nicht nur genetische Faktoren und Umwelteinflüsse, sondern auch der Lebensstil und die Ernährung. Erkenntnisse aus dem relativ neuen Forschungsbereich des Immunometabolismus können Hinweise auf erfolgsversprechende Ernährungsstrategien liefern.

Teil I: Hinweise aus neuen Forschungsbereichen

Der Immunometabolismus beschreibt die enge Verbindung zwischen Stoffwechsel und Immunsystem. Kurz gesagt, wann und was wir essen wird vom Körper über bestimmte Nährstoffsensoren wahrgenommen. Diese übersetzen die Information in Signale, die unseren Stoffwechsel und die Aktivität des Immunsystems regulieren. Dies ist eine überlebensnotwendige Strategie des Körpers, um die Körperfunktionen an die Umwelt anpassen zu können. Beispielsweise kann der Körper bei Nahrungsüberfluss in Wachstum investieren, energieintensive entzündliche Prozesse werden aktiviert, überschüssige Energie wird in Fett eingelagert. Bei Nahrungsmangel wird eher recycelt, repariert und wiederverwertet, die Entzündung wird runtergefahren, Fett zu Energie umgewandelt.

Wieso ist dies nun gerade bei rheumatischen Erkrankungen interessant? Die auch für rheumatische Erkrankungen typische chronische Entzündungen geht mit eben den Veränderungen des Stoffwechsels und Immunsystems einher, die durch (ständige) Nahrungsaufnahme hervorgerufen werden. Und Kohlenhydrate (also Zucker & Stärke) spielen hier eine besondere Rolle, da sie Nährstoffsensoren aktivieren, die starken Einfluss auf den Stoffwechsel, das Immun- und Hormonsystem haben.

Blutzuckerschwankungen – Störfaktor auch bei rheumatischen Beschwerden

Kohlenhydrate, in Form von Zucker und Stärke, führen nach dem Verzehr zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels. Die Kohlenhydrataufnahme selbst und die dadurch provozierten Blutzuckerspitzen wirken stark entzündungsfördernd und stehen in direktem Zusammenhang mit praktisch allen Zivilisationskrankheiten. Neben Diabetes auch mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Leber- und Nierenerkrankungen, Arterienverkalkung und Krebs. Und eben auch mit rheumatischen Erkrankungen.

Der Grund dafür ist, dass Blutzuckerspitzen erheblichen Schaden in unserem Körper anrichten und über die Beeinflussung des Hormons Insulin gravierende Auswirkungen auf das gesamte Hormonsystem, den Stoffwechsel und das Immunsystem haben können.

Stärkere Blutzuckerschwankungen entstehen immer dann, wenn wir bei einer Mahlzeit mehr Kohlenhydrate essen, als die Zellen zu diesem Zeitpunkt aufnehmen können. Diese „Zuckeraufnahmekapazität“ ist dabei individuell unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren wie Körperzusammensetzung, Alter, Geschlecht, Hormonstatus, Gesundheit und Medikation abhängig. Bei Personen mit chronischen Entzündungen ist diese Aufnahmekapazität generell geringer.


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Im Falle einer rheumatischen Erkrankung sind Hormonsystem, Immunsystem und Stoffwechsel immer aus dem Gleichgewicht geraten. Entsprechend wichtig ist es in diesem Fall darauf zu achten, dass die Ernährung so zusammengesetzt ist, dass möglichst selten und geringe Blutzuckerspitzen entstehen um dieses Ungleichgewicht nicht zu verstärken. Es kann sogar über die Ernährung und eine Art „Stoffwechseltraining“ versucht werden, den Stoffwechsel dahingehend zu beeinflussen, dass sich wieder zunehmend ein Gleichgewicht einstellt. Das beeinflusst dann wiederum positiv die Hormone und das Immunsystem und kann zu einer deutlichen Reduktion der Entzündung und damit auch der Beschwerden beitragen.

Um Blutzuckerspitzen zu vermeiden empfiehlt es sich, die Menge an Zucker und Mehlen, aber auch zuckerhaltigem Obst, zu reduzieren. Einen günstigen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel haben Gemüse, Nüsse, Eier, Fisch und Fleisch. Diese liefern außerdem viele Vitamine und Mineralien, an denen bei einer chronischen Entzündung ein erhöhter Bedarf besteht.

Mit der richtigen Ernährung Entzündungen vermeiden

Da jede Nahrungsaufnahme mit einer kleinen Entzündung verbunden ist, wirkt sich außerdem eine Beschränkung der Mahlzeitenfrequenz auf zwei bis drei Mahlzeiten pro Tag entzündungshemmend aus. Über Nacht sollte zudem für etwa 12 Stunden auf Essen und kalorienhaltige Getränke verzichtet werden. Intervallfasten mit längeren Essenspausen kann hier sehr hilfreich sein und tatsächlich zu einer Korrektur der Stoffwechselentgleisung beitragen.

Tatsächlich wird der Einfluss der Kohlenhydrate auf die Krankheitsaktivität meist unterschätzt und es lohnt sich auszuprobieren, wie der Körper reagiert, wenn ein niedrig-stabiler Blutzuckerspiegel über die Ernährung erreicht wird. Da eine Reihe von Einflussfaktoren die Toleranz gegenüber Kohlenhydraten bestimmen, muss immer individuell ausgetestet werden, welche Ernährungszusammensetzung zielführend ist. Eine Optimierung und sogar ein „Training“ des Stoffwechsels ist dabei in jedem Fall möglich und erlaubt nicht nur die rheumatischen Beschwerden zu lindern, sondern auch möglichen Begleiterkrankungen vorzubeugen. Da die Ernährungsweise solch starke Auswirkungen auf den Stoffwechsel, das Immun- und Hormonsystem hat, kann es dabei aber zu Beginn zu Nebenwirkungen und einer Art „Entzugserscheinung“ kommen. Daher macht es Sinn, sich bei der Ernährungsoptimierung von einem Fachmann oder Therapeuten begleiten zu lassen.


Julia Specks ist promovierte Molekularbiologin und funktionelle Beraterin zum Thema Stoffwechsel, Immunsystem & Ernährung. Als Mitglied in unserem AMM-Partnernetzwerk bietet Ihnen Frau Specks unter anderem eine Online-Beratung zur Ernährungs- und Lebensstiloptimierung bei rheumatischen Erkrankungen an.

Dr. Julia Specks im Partnernetzwerk der AMM

Demnächst erscheint:

Teil II von „Diagnose Rheuma – wie kann die Ernährung helfen?“. Darin  lesen Sie, welche weiteren Ernährungsfaktoren rheumatische Beschwerden beeinflussen können.

Weitere Ressourcen:

Podcast mit Julia Specks:

Webseite von Julia Specks mit wichtigen Ernährungsgrundlagen

Titelbild:
peterschreiber.media / stock.adobe

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