Pamela Rauleder
Soziale Beziehungen stärken die Resilienz

Inhaltsverzeichnis

Ein Großteil der Resilienzforschung konzentriert sich auf die individuellen Stärken. Das AMM-Modell zur Resilienz ist breiter angelegt und stellt drei Themenbereiche in den Vordergrund. Die ersten beiden, Risikofaktoren abbauen und Selbstentfaltungspotentiale fördern, widmen sich hauptsächlich dem Individuum. Der dritte Baustein fokussiert sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, denn die soziale Unterstützung könnte möglicherweise sogar der wichtigste Baustein sein, um langfristig Resilienz zu entwickeln.  

 Wie sind soziale Beziehungen mit Resilienz verbunden?  

 Gute soziale Beziehungen zu haben ist eindeutig eine erfolgreiche Strategie im Leben, verbunden mit größerem psychischen und physischen Wohlbefinden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch soziale Beziehungen für die Resilienz von Bedeutung sind. Groß angelegte Bevölkerungsstudien haben gezeigt, dass positive Beziehungen in einem Lebensabschnitt später zu weniger Depressionen führen. Jill Suttie, US-Resilienzforscherin, schreibt: 

„Wie belastbar wir sind, hat vielleicht genauso viel mit unserem sozialen Milieu und Unterstützungskreis zu tun wie mit unseren persönlichen Stärken“.[1] 

Suttie verweist auf ein Papier der Vereinigung der US-Psychologen: „Viele Studien zeigen, dass der Hauptfaktor für Resilienz darin besteht, fürsorgliche und unterstützende Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie zu haben. Beziehungen, die Liebe und Vertrauen schaffen, Vorbilder bieten und Ermutigung und Bestätigung bieten, helfen, die Widerstandsfähigkeit einer Person zu stärken.“ Ebenso zeigten die Ergebnisse der hierarchischen multiplen Regressionsanalyse, dass soziale Fähigkeiten und Selbstwertgefühl Resilienz fördern.[2] Vielleicht wenden wir uns deshalb in Schwierigkeiten ganz von selbst an unsere sozialen Netzwerke, um Hilfe und emotionale Unterstützung zu erhalten?  

Was sind soziale Kompetenz und soziale Fähigkeiten? Wie können diese erweitert werden?

Soziale Kompetenz umfasst die Gabe, soziale Situationen einschätzen zu können, und angemessene Verhaltensweisen zu zeigen zum Beispiel im empathischen Umgang mit anderen Menschen. Es geht darum, auf andere zugehen zu können, zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen oder adäquat zu beenden. Außerdem gehört zur sozialen Fähigkeit, sich Hilfe zu holen, wenn dies erforderlich ist. [3]

Die sozialen Interaktionen gliedern sich in zwei Bereiche: Die Quantität und Qualität. Unter Quantität des sozialen Netzwerkes fallen die Anzahl der Freunde und die Häufigkeit des Austauschs. Zur Qualität sozialer Interaktionen gehören die emotionale Unterstützung wie Zuwendung, Verständnis oder das Gefühl dazuzugehören und praktische Hilfe.  

Erste Schritte, die eigene soziale Kompetenz zu erweitern ist, sich das eigene soziale Netzwerk vor Augen zu führen mitsamt den qualitativen und quantitativen Aspekten. Soziale Kompetenz ist eine vielschichtige Fähigkeit und inzwischen gibt es ein großes Angebot und Seminaren, Kursen oder auch Coachings, die sich diesem Thema widmen. Die Kindererziehung nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, denn soziale Fähigkeiten beginnen bereits im Kindesalter. Gute Kommunikationsfähigkeiten sind außerdem elementar, wenn es um die Erweiterung er sozialen Kompetenz geht. 

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Wer sich mit anderen Menschen verbunden fühlt kann Stress besser verarbeiten und lebt gesünder

Auch der Stressbewältigung kommen soziale Fähigkeiten zugute. Jörg Fuhrmann verweist auf die Polyvagal-Theorie, eine Theorie des autonomen Nervensystems (ANS) die von Stephen Porges ab 1992 aufgestellt wurde. Diese erklärt, wie unser ANS versucht, unser Überleben zu sichern und untersucht dabei auch die Rolle des Erlebens von Sicherheit und Verbundenheit. Er betont die Ansicht Porges, dass wir Menschen, im Gegensatz zu anderen Wirbeltieren, Artgenossen/Mitmenschen brauchen, um stressreiche Körperzustände optimal regulieren und überleben zu können.[4]

Die Auswertung zweier Langzeit-Studien von Wissenschaftlern der US-amerikanischen Harvard-Universität untersuchte den Zusammenhang von sozialen Beziehungen und einer ausgeglichenen Psyche. Über 75 Jahre lang befragten die Wissenschaftler einmal 724 und einmal 268 Amerikaner, was für sie Glück bedeute. Eines der zentralen Ergebnisse der Studie war, dass uns gute Beziehungen nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder machen.[5]

Corona-Krise: Fehlende soziale Verbindungen können krank machen

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 haben viele Menschen erlebt, wie schädlich es sich auf unsere Gesundheit auswirken kann, wenn das soziale Netz wegbricht. Dr. Maria Wolke hebt Einsamkeit als Prädiktor für zahlreiche psychische und körperliche Erkrankungen hervor: „Das Fehlen sozialer Kontakte über mehrere Monate hinweg und das subjektive Gefühl einsam zu sein stehen in einem direkten Zusammenhang zu einer erhöhten depressiven Symptomatik, hohem Blutdruck, Schlafproblemen und einem schwächeren Immunsystem.“ Bereits vor der Pandemie sagte im Jahr 2019 jeder zehnte Deutsche, er fühle sich einsam. Derzeit berichten 44 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression eine Verschlechterung der Erkrankung seit der Beginn der Pandemie.[6]

Ein fehlendes soziales Umfeld und psychische Erkrankungen wie Depression stellen einen elementaren Risikofaktor für die mentale Gesundheit und die Resilienz dar. Unser Artikel Risikofaktoren erkennen und reduzieren geht auf diese Faktoren ein und erklärt welche anderen Risikofaktoren der Resilienz schaden und wie diese Abgebaut werden können.  

Die Grenzen des Internets für die sozialen Beziehungen 

Vielleicht ist ja ein positiver Aspekt, der sich aus der Corona-Pandemie entwickelt hat, dass wir alle am eigenen Leib erlebt haben, wie problematisch es sein kann, wenn die sozialen Netzwerke eingeschränkt werden und unsere sozialen Aktionen hauptsächlich per Zoom oder per Computer-Chat stattfinden. Eine Studie der Uni Hildesheim[7] forscht derzeit zum Thema, wie sich die Corona-Krise auf die sozialen Kontakte ausgewirkt hat. Die Ärztin und Psychotherapeutin Mirriam Prieß befürchtet, dass die belastende Zeit im Lockdown Freundschaften und Beziehungen auch nachwirkend belasten kann. Und sie betont die Limitierung des Internets für die Qualität der sozialen Beziehungen:  

„Einerseits ist das Internet in Zeiten der Corona-Krise ein guter und wichtiger Weg, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Andererseits kann Begegnung nicht dauerhaft an der Oberfläche stattfinden. Beziehung ist viel weniger ein kognitiver als ein intuitiver und emotionaler Prozess. Wir brauchen den unmittelbaren, persönlichen Kontakt, bei dem wir den anderen verkörpert sehen und fühlen können.“[8]

Fazit: Soziale Beziehungen und zwischenmenschlicher Austausch sind ein wichtiger Grundpfeiler unseres psychischen und auch physischen Wohlbefindens. Spätestens, wenn wir uns in der Not hilfesuchend an unsere Mitmenschen wenden, erkennen wir diesen Grundsatz intuitiv an. Doch gerade auch im Sinne der Prävention sollten wir echtem sozialen Austausch und zwischenmenschlichem Kontakt stets die höchste Bedeutung zurechnen. Dabei ist äußerst bedenklich, dass in unserer modernen Gesellschaft, begründet mit Effizienz oder als Krisenfolge, echte Geselligkeit immer seltener wird und oft durch digitalen Austausch ersetzt wird. Wie auch in anderen Bereichen, sollten wir im Sinne unserer Gesundheit hier umsteuern und uns aktiv um die Stärkung unseres sozialen Netzes bemühen. Dadurch wird unser Leben nicht nur bunter und reichhaltiger, wir bilden auch ganz konkret unsere sozialen Kompetenzen aus und steigern unsere Resilienz. 

Mentale Gesundheit & Psyche

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Unsere Buchempfehlungen

Die Polyvagal-Theorie
von Stephen W. Porges, Theo Kierdorf (Übersetzer)
Erscheinungsjahr: 2010
Vitamin D: Immer wenn es um Leben oder Tod geht
von Prof. Dr. med. Jörg Spitz & Sebastian Weiß
Erscheinungsjahr: 2020
Dr. Maria Wolke: Resilient durch Yoga
von Dr. Maria Wolke
Erscheinungsjahr: 2017